Philosophie2|17

Palliativmedizin - Spezialgebiet der Medizin

Spezialgebiet der Medizin und philosophisches Konzept der Humanität.

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Palliativmedizin - Spezialgebiet der Medizin

Palliativmedizin - Spezialgebiet der Medizin

Spezialgebiet der Medizin und philosophisches Konzept der Humanität

Die zentrale Bedeutung der Medizin als Naturwissenschaft erscheint heute unbestritten. Die Humanmedizin hat sich in den letzten 150 Jahren grundlegend verändert, zahlreiche wissenschaftliche Entdeckungen haben dazu geführt, Krankheiten besser diagnostizieren und heilen zu können: Neben der Entdeckung der Antisepsis und Asepsis sowie der Bakteriologie im 19. Jahrhundert, kam es im frühen 20. Jahrhundert zur Ausbildung neuer diagnostischer Verfahren, wie der des Röntgens und danach zur Entdeckung neuer therapeutischer Optionen, wie der des Insulins zur Behandlung der Zuckerkrankheit und die der Antibiotica zur Behandlung von Infektionen.

In den letzten Jahren wurden zudem hochkomplexe diagnostische und therapeutische Verfahren erforscht und in die Praxis übernommen, die auf der kleinsten Ebene des menschlichen Organismus, der molekularen, wirken, wie die des genetischen Screenings und der Immuntherapie bei krebskranken Patienten. Auch die Palliativmedizin wurde als eigenes Fach der Humanmedizin und Spezialisierung von Ärzten und Pflegepersonal in den letzten Jahren entwickelt. Während sie noch in meinem Studium vor 25 Jahren kein Thema war, nimmt sie heute ein eigenes Fach unter vielen ein. Das Studium der Medizin wie der Krankenpflegeausbildung zerfällt in immer weitere Fächer und wird dadurch unübersichtlich. Auch die Palliativmedizin ist somit als naturwissenschaftliches Spezialfach zu verstehen.

In der medizinischen Ausbildung von jungen Medizinstudentinnen und -studenten steht als eines der ersten Fächer mit Anatomie die Untersuchung und Sektion einer Leiche an. Hier wird ein toter Mensch auf seine Teile hin intensiv und genauestens untersucht. Die Frage, woraus der Mensch besteht, wird in diesem Kurs und dann auch im weiteren Studium durch seine Teile erklärt. Dies bezieht sich vorrangig auf die Organe des Menschen und deren Funktion. Anderes, wie „Geist“ und „Psyche“ kommen zwar im Studium vor, haben allerdings bei weitem nicht dieselbe Bedeutung. Der Ausspruch von Rudolf Virchow, einem der berühmtesten deutschen Pathologen des 19.

Jahrhunderts und im Geiste seiner Zeit Vertreter einer naturwissenschaftlich fundierten Medizin, er habe schon viele Menschen seziert, aber niemals eine Seele darin gefunden, findet hier seine Anwendung. Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Bohrer

Medizin als Naturwissenschaft gehört einem physikalisch geprägten Weltbild aus den letzten drei Jahrhunderten an: In diesem Weltbild ist man davon überzeugt, das Phänomen des Lebens dadurch erklären zu können, dass man es auf seine kleinsten Bestandteile zurückführt und diese analysiert. Eine immer weiterführende Spezialisierung erscheint hier notwendig. Die gängige Interpretation lautet, dass naturwissenschaftliche Erkenntnis nur mit Beginn auf der untersten Stufe möglich ist. Ärzte und Patienten empfanden dies trotz der unbestrittenen naturwissenschaftlichen Erfolge der Medizin immer schon als unbefriedigend, da dieses Vorgehen zwar naturwissenschaftliche Erkenntnisse erklärt, jedoch den einzelnen Menschen als Patienten nicht berücksichtigen kann.

Tatsächlich sind jedoch nicht nur eine naturwissenschaftliche Fundierung, Ausbildung und Spezialisierung in der Palliativmedizin wesentlich, sondern gerade das Überdenken moderner Ansätze, wie das eines Konzeptes der Humanität, auch wenn dieses nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden messbar ist. Gerade die Palliativmedizin zeichnet sich dadurch aus, das humane Grundanliegen der Medizin zu verwirklichen: Vertrauen, Empathie, Wertschätzung und die Wahrung der Autonomie von Patienten stellen beispielsweise wesentliche ethische Normen dar. Beide Disziplinen, allgemeine Philosophie als Geisteswissenschaft und Medizin als reine Naturwissenschaft, sind jedoch einzeln für sich genommen unzulänglich und für die Frage nach dem "Menschen als Ganzes" in der Medizin unbefriedigend.

Eine Philosophie der Palliativmedizin führt deswegen nicht zur Entdeckung weiterer naturwissenschaftlicher Fakten über den Menschen und seiner Bestandteile in der Medizin, sondern zu Konzepten wie zum Beispiel dem der Humanität und geht damit überethische Fragestellungen weit hinaus: Dieses Konzept fragt, was das eigentlich Menschliche in der Palliativmedizin ausmacht. Das Besondere des Menschen ist im Konzept der Humanität seine Einzigartigkeit. Gibt es nun Lösungsvorschläge dafür, die Einmaligkeit und Existenz des Menschen in seiner zeitlichen Begrenzung, die auch immer das eigene Leiden und Sterben mit einfasst, vor diesem Hintergrund für die Palliativmedizin zu begründen? Dies kann eindeutig bejaht werden, denn jeder Mensch ist durch die Komplexität des eigenen Lebens und Sterbens charakterisiert.

Dies bedeutet ganz klar, dass man es nicht mit einem „geschlossenen System eines Körpers“ zu tun hat, in dem eigene Gesetze gelten, wie sie in der Physik vorausgesetzt werden: Der Mensch ist keine Maschine. Naturwissenschaftliche Gesetze sind zwar notwendig, um den Menschen wissenschaftlich zu untersuchen, können jedoch das Konzept der Humanität nicht hinreichend berücksichtigen. Dies bedeutet jedoch konkret außerdem, dass sich Eigenschaften des Menschen nicht ausschließlich und zwangsläufig aus den untersten Analyseschritten, zum Beispiel anhand der Gene, ergeben und - im Gegenteil - auch davon völlig unabhängig auftreten können.

In der Palliativmedizin wird nicht nach den molekularen Mechanismen der Schmerzrezeptoren oder der Atemmechanik des Stammhirns geforscht, das Verständnis der menschlichen Zelle und des Genoms ist keine Voraussetzung dafür, den Menschen auch wirklich verstehen zu können. Sie bedient sich vielmehr immer schon einer ganzheitlichen Sichtweise.

Das humane Grundanliegen der Medizin Die Einzigartigkeit des Menschen Das Konzept der Humanität in der Palliativmedizin Schlussfolgerung ist Thoraxchirurg am Klinikum Bamberg und Magister der Philosophie; erbegründete das Philosophicum an der Würzburger Universität und in Bamberg auf der Altenburg, Veranstaltungen, die sich der Philosophie der Medizin widmen und ein öffentliches Diskussionsforum darstellen; erhält regelmäßig Vorträge in der Hospizakademie Bamberg, ein dort am 28.09.2016 gehaltener Vortrag im Qualitätszirkel Palliativmedizin ist Grundlage für dieses Manuskript (thomas.bohrer@sozialstiftung-bamberg.de, www.philosophicum-ukw.de). Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Bohrer

Folgende Ansätze, die der Übersichtlichkeit halber kurz gehalten werden, belegen die Bedeutung der Einzigartigkeit des menschlichen Lebens und Sterbens vor dem Hintergrund des Konzeptes der Humanität und zeigen, was dadurch den Menschen erst ausmacht: Jeder Mensch zeichnet sich dadurch aus, mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten und sich mehr oder weniger anzupassen. Ein leidender und/oder sterbender Mensch in der palliativen Situation ist immer Teil seiner Umgebung. Würde diese Umgebung sich beispielsweise ausschließlich darauf beschränken, lediglich eine symptomorientierte Schmerztherapie durchzuführen, ließe sie wesentliche ethische Normen unberücksichtigt, wie z.B. die der menschlichen Zuwendung.

Der Mensch in seinem Lebensverlauf verändert sich kontinuierlich: Jeder Mensch hat immer einen individuellen Lebensverlauf, Lebensvollzug, aber auch gerade sein eigenes Sterben, das einzigartig ist. In einer Gesellschaft, die stets auf Selbstoptimierung und Risikoreduktion bedacht ist, ist diese Sichtweise von großer Bedeutung. Es existiert damit immer schon ein individuelles Leiden und Sterben, das zum Leben gehört. Jeder Mensch ist charakterisiert durch das Auftreten unerwarteter Eigenschaften, die über Einzelbestandteile des menschlichen Organismus hinausgehen. Dieses Phänomen ist für die Biologie eindeutig bestätigt und findet sich auch beim Menschen. Diese Eigenschaften können zudem erst am Lebensende vermehrt in Erscheinung treten und von entscheidender Bedeutung für alle in der Palliativmedizin Tätige sein.

Die menschliche Gesellschaft beinhaltet immer einzelne Individuen, auf die statistische Mittelwerte nur abstrakt zutreffen. Der menschliche "Organismus an sich" als Konstante existiert nur im physikalisch-mechanistischen Weltbild und ist hier naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Man kann eine gute Palliativmedizin deshalb nicht nur anhand moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnisse durchführen. Jeder Mensch möchte auch als Individuum wahrgenommen werden. Dadurch, dass sich Menschen immer wechselseitig beeinflussen treten physikalische Vorgänge von selbst in den Hintergrund. Ein wesentlicher Schlüssel hierfür ist die konstitutive Funktion der Kommunikation für das Menschwerden und die menschliche Existenz.

In der Palliativmedizin liegt eine menschliche und kommunikative Grenzsituation vor, der jeder ausgesetzt ist: Nicht nur der Leidende selbst, sondern auch Angehörige, Seelsorger, ehrenamtlich Engagierte, Schwestern und Pfleger sowie Ärztinnen und Ärzte. Es ist eine herausfordernde Aufgabe der Palliativmedizin als Selbstvergewisserung, danach zu fragen, was sie mit den Beteiligten macht, welche Wirkungen sie hat und darin immer wieder nach der Humanität als Zielvorstellung zu suchen. Damit besitzt sie in gewisser Weise auch einen Bildungsauftrag.

Es ist interessanterweise die Palliativmedizin, die dadurch, dass sie die Hinfälligkeit und Begrenztheit der menschlichen Existenz und ihr Leiden als Hauptanliegen begreift, über eine naturwissenschaftliche Sichtweise hinausgeht und sich dem humanen Grundanliegen der Medizin widmet: Sie begreift, dass Medizin auf naturwissenschaftlichem Fundus mit dem Konzept der Humanität vereint werden kann, um Human-Medizin im eigentlichen Sinn zu sein. Ihr konkretes Ziel ist damit immer das einer individualisierten Medizin.

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Die zweite Ausgabe von COLUMBA 2017 beleuchtet Kinder- und Jugendhospizarbeit, Palliativmedizin als Spezialgebiet, Trauer als Fuehrungsaufgabe, das erste Urteil gegen Uebertherapie am Lebensende, Hypnose in der Palliativmedizin und das Sterben im aerztlichen Alltag.

Seiten 16–19

Palliativmedizin - Ein Spezialgebiet der modernen Medizin | COLUMBA