Begleitung4|16

Rituale in der Begleitung Schwerstkranker und Sterbender

Sterben und Trauer erzeugen Stress: zur Bedeutung von Ritualen am Lebensende.

9 minpp. 3235
Anmelden zum Merken
Im PDF lesenSeiten 32–35
Rituale in der Begleitung Schwerstkranker und Sterbender

Rituale in der Begleitung Schwerstkranker und Sterbender

Von Dr. Martin Weiß

Die unmittelbare Konfrontation mit Sterben und Tod bedeutet für Schwerstkranke, Sterbende, Angehörige und Hinterbliebenen eine massive Kontingenzerfahrung, d.h. eine Erfahrung der Ungewissheit, Unsicherheit und Brüchigkeit der menschlichen Existenz. Sterben und Trauer sind Belastungen, die Menschen aus dem Gleichgewicht und an die Grenzen ihrer Bewältigungsmöglichkeiten bringen können. Eine Möglichkeit der Bewältigung dieser Stressreaktion als Sterbender oder als Angehöriger bieten Rituale. Dabei geht es keinesfalls nur um die klassischen Übergangsrituale der Religionen zu Sterben und Tod wie z.B. Krankensegnung und -salbung. Ebenso bedeutsam sind auch Rituale des Alltags, individualreligiöse Rituale, Rituale mit therapeutischem Hintergrund und „säkulare“ Abschiedsrituale. Rituale stärken das sog. „Kohärenzgefühl“ (A.

Antonovsky), das Gefühl von Verstehbar keit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit des Lebens gerade in der Gefährdung durch den Tod. Dabei setzen Rituale besonders an der Handhabbarkeit an. Sie bieten die Möglichkeit zu struk turiertem Handeln in der Handlungsunsicherheit. Rituelles Han deln fördert die Erfahrung von Selbstwirksamkeit – „Ich kann etwas tun“, „Ich bin nicht nur ausgeliefert“. Sie geben in der Sprachlosigkeit eine Sprachmöglichkeit und in der Unsicherheit des Sterbens wenigstens für eine gewisse Zeit Struktur und Halt. Dieser wichtige Beitrag von Ritualen in der Begleitung von Schwerstkranken und Sterbenden soll im Folgenden näher be leuchtet werden. Zunächst wird die allgemeine Bedeutung von Ritualen skizziert. Anschließend kommen einzelne Rituale et was detaillierter in den Blick.

Sterben und Trauer erzeugen Stress

Der Begriff „Ritual“ kommt aus dem Sanskrit („rta“) und bedeutet ursprüng lich „Zählung, Brauch, Ordnung“. Ein Ritual ist eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, sich wiederho lende Handlung. Sie wird häufig von bestimmten Wortformeln und festge legten Gesten begleitet und kann reli giöser oder weltlicher Art sein. Oft ist die Handlung feierlich-festlich mit ho hem Symbolgehalt. Rituale sind in un terschiedlichen Kulturen verschieden ausgeprägt. Stets haben sie sinnstiften de Funktionen.

1.1 Vermittlung von Halt und Orientierung

Rituale vereinfachen die Bewältigung unübersichtlicher Lebenssituationen. Durch Wiederholung von Bekanntem überführen sie verunsichernde, kri senhafte Ereignisse wie Sterben und Trauer in gewohnte Handlungsabläufe. Unsicherheit wird so zumindest zeit weise in Sicherheit verwandelt. Zudem ermöglichen Rituale die symbolische Auseinandersetzung mit Grundfragen der menschlichen Existenz wie Ster ben, Tod und Schuld. Die Beichte am Sterbebett ermöglicht z.B. eine Versöh nung mit den Schattenseiten des eige nen Lebens. Sie hilft dem Sterbenden mit sich, mit Gott, mit den Mitmen schen und dem Schicksal des eigenen Lebens ins Reine zu kommen. 1.2 Ordnung der Zeit Rituale gestalten Lebenswenden (z.B. Geburt, Heirat, Tod…). Sie ordnen die Lebenszeit und begleiten die Übergänge von einer Lebensphase in die nächste. Die religiösen Sterberituale bereiten den sterbenden Menschen für den Übergang vom Leben zum Tod vor und gestalten diesen Übergang. Nicht umsonst heißt deshalb die katholische Krankenkommunion für Sterbende „Wegzehrung“. 1.3 Soziale Funktion Rituale dienen der gemeinschaftlichen Krisenbewältigung. Sie stiften Ord nung und helfen bei der Aktivierung und Lenkung von Gefühlen wie Trauer, Angst, Aggression. Damit stärken sie den sozialen Gruppenzusammenhalt und das Zusammengehörigkeitsgefühl. Rituale am Sterbebett stiften demzufol ge Gemeinschaft. Sie ermöglichen eine symbolisch-rituelle Kommunikation, wo die Alltagssprache sprachlos wird. 1.4 Unterbrechende Funktion Rituale sind Unterbrechungen im All tag. Sie markieren den besonderen Stellenwert einer bestimmten Situation und setzen eine Zäsur im Fluss des All tags. Sterberituale helfen so zu verste hen, dass das Leben von Schwerstkran ken massiv bedroht ist und sich eine entscheidende Lebenswende vollzieht – der letzte Weg vom Leben durch den Tod in eine neue Existenzweise. Ster berituale zeigen an, dass dieser Weg jetzt gegangen werden muss. 1.5 Wirklichkeitssetzende Funktion Rituale setzen eine Wirklichkeit. Was rituell vollzogen ist, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Dies gilt nicht nur für das „Ja-Wort“ bei der Hei rat oder für das Ritual der Unterschrift bei einer Vertragsunterzeichnung. Dies gilt auch für die Sterberituale. Das „Schließen der Augen“, das „Anhalten der Uhr“, das „Beten von Totengebeten“ (z.B. Valetsegen) markiert jeweils: Der Schwerstkranke ist jetzt tot. Es ist un abänderlich. Alle diese sinnstiftenden Funktionen können in Ritualen am Lebensende entdeckt werden. Dabei erschöpft sich das rituelle Handeln jedoch nicht nur im explizit religiösen Handeln, son dern ist auch im säkularen Alltag und in therapeutischen Zusammenhängen bedeutsam.

2.1 Rituale des Alltags

Unser gesamtes Leben ist in hohem Maße ritualisiert. Sog. „Rituale des Alltags“ strukturieren unseren Tages ablauf und geben uns so Orientierung und Sicherheit. Ohne die Tasse Kaf fee oder das Zeitunglesen am Morgen würde vielen von uns ein wichtiges Ritual zum Tageseinstieg fehlen und der Start in den Tag wäre zumindest holprig, wenn nicht sogar missglückt. Dieses Bedürfnis nach Alltagsritualen ist natürlich auch für Menschen am Lebensende sehr bedeutsam. Gerade da sind sie psychische Ankerpunkte für Verlässlichkeit in der Unsicherheit, die das Selbstwertgefühl stärken. In der Begleitung ist es deshalb wichtig, diesem rituellen Bedürfnis gerecht zu werden. Solche Alltagsrituale können z.B. im verlässlichen Ablauf der indi viduellen Grundpflege durch eine vertraute Bezugspflegekraft oder im Er möglichen eines langjährig gepflegten Alltagsrituals wie dem morgendlichen Zeitunglesen bestehen. Ebenso können feste Stationsrituale (z.B. Tagesimpuls, Arztvisite) Zugehörigkeit und Sicher heit vermitteln. Dem Schwerstkranken wird mit diesen „Kleinigkeiten“ signali siert: „Ich nehme Dich ernst und gehe auf Deine Bedürfnisse ein, weil Du wertvoll bist.“

2. Verschiedene Arten von Ritualen in der Begleitung Schwerstkranker und Sterbender

1. Die allgemeine Bedeutung und Funktion von Ritualen für Schwerstkranke und Sterbende

2.2 Religiöse Übergangsrituale

Eine weitere Bewältigungsmöglichkeit der psychischen Belastung am Le bensende kann die Hinwendung zur Religion und die religiöse Praxis sein, v.a. in Form von religiösen Ritualen. Gelebte und gefühlte Religiosität so wie die religiöse Praxis sind wichtige Bewältigungsstrategien (Coping) gegen den Stress des Sterbens. Gerade in den religiösen Ritualen zeigt sich Religion als „Kontingenzbewältigungspraxis“ (H. Lübbe, N. Luhmann) im Angesicht des Todes. In dieser extremen Erfah rung von Ungewissheit gibt Religion wenigstens ein Stück Sicherheit und Halt. Diese religiösen Sterbe- und Trauer rituale sind „rites de passage“ (A. van Gennep) – „Übergangsrituale“. Wie alle Übergangsrituale gestalten sie eine kri tische Schwelle des menschlichen Da seins: den Übergang vom Leben zum Tod.

Sie geben in dieser unsicheren Lebensphase Sicherheit und Ordnung und helfen beim Wechsel von einer Existenzform in eine andere. Die Lebensübergänge erfolgen stets in drei Phasen: Trennung vom Alten, unsichere Schwellenphase/Zwischen stadium, Angliederung an das Neue. Dementsprechend sind auch die Übergangsriten unterteilt in Trennungsri ten, Schwellenbzw. Umwandlungsri ten sowie Angliederungsriten. Diese Dreiteilung gilt auch für viele religiöse Riten am Lebensende. Hier bieten die Religionen Trennungsriten (z.B. Beichte mit Lossprechung, Kran kensegnung/-salbung), Schwellenriten (z.B. letzte Krankenkommunion, auch „Wegzehrung“ genannt) und Angliede rungsriten (z.B. Sterbesegen). Sterberiten gestalten so den Übergang zwischen Leben und Tod.

Sie unter stützen das Abschiednehmen und sind so für den Sterbenden, die Angehöri gen und die Gesellschaft in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Die religiösen Sterberituale erleichtern die Versöh nung mit sich, mit den Mitmenschen, dem Leben und mit Gott. Sie helfen bei der Lösung der irdischen Bindun gen und erleichtern die Hinwendung zum Jenseits des irdischen Lebens.

2.3 Individual-religiöse Rituale

Individualisierung, Enttraditionalisie rung und Entkirchlichung in Deutsch land und Mitteleuropa sind gesell schaftliche Prozesse, die den Umgang mit tradierten Ritualen nachhaltig ver ändert haben und immer noch verän dern. Seit Jahren werden die tradierten Rituale und Symbole immer weniger verstanden und hinterfragt, zum Teil abgelehnt oder umgedeutet. In diesem sozialen Wandlungsprozess verschwin det zwar die institutionelle Bindung der Menschen an Religionen, jedoch nicht das Bedürfnis nach religiöser bzw. spiritueller Lebensdeutung. Viele Menschen entwickeln dabei eine hoch individuelle „Patchworkreligiosität“, die sich aus Elementen unterschiedli cher Religionen und Philosophien zu sammensetzen kann. Dabei entsteht für den Einzelnen ein je eigenes Sinn gebäude mit z.T. neuen Symbolen und Ritualen.

In der Begegnung mit einem sterben den Menschen trifft der Begleitende heutzutage somit viel stärker als frü her auf eine unbekannte Welt hoch individueller Sinndeutungen und ri tueller Bedürfnisse. In zunehmendem Maße kommt es darauf an, sich auf die individuelle Spiritualität des anderen einzulassen und zu erfragen, welche religiös-rituellen Bedürfnisse der an dere hat. Mit Blick auf die rituellen Handlungsmöglichkeiten öffnet sich so ein weites Feld, auf dem es gilt, das jeweils passende Ritual zu finden. Möglich ist vieles – Salbungen, Segnungen, Lichtrituale, Rituale mit Gedichten und Texten sind nur einige Beispiele –, individuell passen wird nur manches.

Ohne ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Leben und der Situation des Schwerstkranken kann diese Passung nicht gefunden werden. 2.4 Rituale mit therapeutischem Hintergrund Neben den Ritualen mit spirituellem Hintergrund können auch rituelle Handlungen aus dem therapeutischen Zusammenhang in der Begleitung Schwerstkranker bedeutsam sein. Zu nennen sind hier z.B. Rituale aus der Kunstund Musiktherapie. Mit ihrer Hilfe können Sterbende neue Wege der emotionalen Auseinandersetzung mit ihrer Situation und neue Ausdrucks mittel und Kommunikationskanäle entdecken, die einen wichtigen Bei trag zur Bewältigung der letzten Le bensphase bieten können.

Durch das regelmäßige Malen von Bildern und das therapeutische Gespräch über den Pro zess des Malens und die Bilder selbst können beim Schwerstkranken hilfrei che seelische Entwicklungsprozesse angeregt und kommunizierbar werden. Auch Musikrituale z.B. mit Klangscha len, Trommeln oder dem Monochord können dem Menschen am Lebensen de helfen, Stimmungen auszudrücken. Durch die sinnliche Erfahrung von Rhythmus und Tonstruktur kann Mu sik in der Unsicherheit ein strukturund haltgebendes Medium sein. Dane ben kann Musik durch die Erfahrung des Sich-aufeinander-Einschwingens im gemeinsamen Musizieren auch auf nonverbaler Ebene das Gefühl der mit menschlichen Verbundenheit fördern.

2.5 „Säkulare“ Abschiedsrituale

Zu guter Letzt komme ich noch auf „sä kulare“ Abschiedsrituale zu sprechen. Diese können besonders für spiritu ell und kreativ „unbegabte“ Menschen wichtige sinnstiftende Funktionen am Lebensende haben. Wichtige Rituale können sich auf Personen (z.B. bewuss te Gestaltung einesletzten Besuchs, das Schreiben eines Abschiedsbriefs), auf Sachen (z.B. Verschenken von lieb

gewonnenen Gegenständen an ausgewählte Personen) oder auf Tätigkeiten (z.B. ein letztes Mal eine Zigarette rau chen) beziehen. „Säkulare“ Abschieds rituale können auch Rituale zum Um gang mit Schuld und Versöhnung sein. Als Beispiel seien hier genannt: eine Aussprache übervergangene Schuld oder das Aufschreiben und symboli sche Verbrennen von belastenden Le benserfahrungen. Wie bereits eingangs erwähnt, unter stützen Rituale in der Regel Schwerst kranke und Sterbende bei der Bewäl tigung ihrer Belastungen in günstiger Weise. Insofern ist ein empathischer Umgang mit den rituellen Bedürfnis sen des Gegenübers sehr sinnvoll. Die „Ritualität“ des anderen als seine Co ping-Strategie wertzuschätzen und ihn dabei zu unterstützen, ist Ausdruck ei nes ganzheitlichen Verständnisses von Sterbebegleitung und Palliative Care.

Dabei spielt die Toleranz gegenüber der Fremdheit des Gegenübers eine besonders wichtige Rolle. Um Missver ständnisse beim rituellen Handeln zu vermeiden, ist es deshalb besonders wichtig, immer wieder das Gespräch mit den Betroffenen zu suchen, sei es direkt mit Worten oder nonverbal in der guten Patientenbeobachtung. Schließlich können die Betroffenen selbst am besten ausdrücken, was sie sich wünschen und was ihnen gut tut. Auch das Einbeziehen der Angehöri gen kann hierbei besonders wichtig und hilfreich sein. Um diesen rituellen Bedürfnissen in der Hospizarbeit entsprechen zu können, ist es ebenfalls bedeutsam, kontinuierlich Kontakt zu Vertretern verschiedener Religionen und Wel tanschauungen zu halten, um im Be darfsfall immer kompetente Ansprech partner um Unterstützung bitten zu können.

Ebenso hilfreich ist sicher auch ein Hospizkoffer mit religiösen „Gerätschaften“, Symbolen, Gebeten und Texten aller relevanten Religio nen und Weltanschauungen, die für die Sterbebegleitung wichtig sind. Auch in der räumlichen Gestaltung von Palli ativstationen und Hospizen ist darauf zu achten, dass den rituellen Bedürfnissen möglichst Rechnung getragen wird. Die Möglichkeit von rituellen Waschungen für Muslime ist hierbei ebenso bedeutsam wie die Gestaltung von „Räumen der Stille“, die für jede Weltanschauung angemessen sind. So sollte es dort z.B. auch „neutrale“ Ge staltungselemente und Nischen im Raum geben, die für Atheisten akzep tabel sind. Werden diese Rahmendaten berück sichtigt, können Rituale ihr unterstüt zendes Potential für Schwerstkranke und Sterbende am besten entfalten.

3. Wichtige Rahmendaten für die rituelle Praxis Lebensund Organisationsberater in Bamberg www.martinweiss-coaching.de Dr. Martin Weiß

Über den Autor

Dr. Martin Weiß

Verwandte Artikel

Aus dieser Ausgabe

COLUMBA

4|16

Die vierte und letzte Ausgabe von COLUMBA 2016 widmet sich dem Annehmen und Hoffen am Lebensende, der Debatte um aktive Sterbehilfe, Übertherapie, Ritualen in der Begleitung Schwerstkranker, Akupressur in der Palliativversorgung und der Kinder- und Familientrauerbegleitung.

Seiten 32–35

Rituale in der Begleitung Schwerstkranker – Halt und Orientierung | COLUMBA