Trauer3|16

Sternenkinder

Wenn ein Kind stirbt oder eine Diagnose erhält, bleibt die Welt stehen.

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Sternenkinder

Sternenkinder

Liebe Eltern, Großeltern, Geschwister, Paten, Freunde,

Euer Kind wurde vielleicht still geboren oder musste diese Welt aufgrund einer Erkrankung früh wieder verlassen. Vielleicht habt Ihr aber auch gerade erst eine Diagnose erhalten. Es gibt viele von Euch und doch findet Ihr so oft keinen sicheren Raum für Euren Schmerz und Eure Trauer in Eurem Umfeld.

Wenn ein Kind stirbt oder eine Diagnose erhält, bleibt die Welt stehen, nicht nur für einen kurzen Augenblick, sondern für eine lange Zeit, vielleicht auch für immer. Ganze Familiensysteme erstarren und versuchen irgendwie zu überleben. Das Gefühl, die Situation hüten und schützen zu wollen wie einen kostbaren Kristall, auf der anderen Seite aber nicht zu wissen, wohin mit der Trauer - all das sind Emotionen, die Betroffene kennen.

Stirbt ein Kind, gehen Mann und Frau unterschiedliche Wege der Trauer. Häufig kommt es dann zu Missverständnissen, weil der eine den anderen nicht versteht. Nicht selten zerbrechen genau an diesen Missverständnissen Ehen und ganze Familien. Wir fühlen uns allein in unserem Schmerz, nicht gesehen in unserer Trauer. Oft genugwissen wir selbst nicht mehr, was wir gerade wollen oder brauchen.

Sich in dieser Phase - vom Zeitpunkt der Diagnosestellung über Geburt, Verabschiedung, Bestattung und anschließende Trauerarbeit - in die schützenden Hände achtsamer Menschen zu begeben, kann ein Geschenk sein, das mein Team und ich gerne an die Hand gebenmöchten.

Fragen, die plötzlich im Raum stehen

  • Wie gehen wir mit Geschwisterkindern um?
  • Wie erklären wir, dass der Bruder oder die Schwester diese Erde schon wieder verlassen muss?
  • Nehmen wir unser verstorbenes Kind noch einmal mit nach Hause, um es dort im geschützten Familienkreis verabschieden zu können?
  • Welche Bestattungsart wählen wir als Familie für unser Kind?

Nicht selten bleiben nach stillen Geburten tief traumatisierte Frauen zurück, die sich selbst und ihr Frausein nicht mehr leben können. Die Begleitung stiller Geburten kann in Deutschland nicht über § 39a finanziert werden, denn fachlich handelt es sich nicht um Sterbebegleitung, sondern um Trauerbegleitung. Trauerbegleitung wird in Deutschland leider immer noch nicht von den Krankenkassen übernommen. Trauer ist keine Krankheit, aber bekommt Trauer keinen Raum, kann sie krank machen.

In der Trauer geht das Sich-Fühlen verloren. Wir versuchen irgendwie zu überleben, den Schmerz auszuhalten, um nicht daran zu zerbrechen. Doch genaudiese Strategie holt uns irgendwann ein und die Trauer bricht auf. Denn das Leben will gefühlt werden, in all seinen Facetten und Emotionen. Tag und Nacht, hell und dunkel, Glück und Schmerz - das eine geht nicht ohne das andere. All dies gehört zum Leben dazu.

Den Institutionen die Notwendigkeit nahezubringen, wie heilsam und stützend eine achtsame Begleitung der von einer stillen Geburt betroffenen Familien ist, ist ein wichtiger Schritt in die Veränderung. Veränderung macht zunächst Angst. Doch ich glaube, wir müssen lernen, dass wir in der Begleitung betroffener Familien niemals als Einzelkämpfer unterwegs sein dürfen, sondern uns immer in einem Netz bewegen müssen.

Es geht nicht darum, anderen Berufsgruppen das Gefühl zu geben, dass uns ihre Arbeit nicht genügt, sondern darum, auch im Bereich der stillen Geburten in einem Netzwerk unterschiedlicher Berufsgruppen zusammenzuarbeiten - zum Wohl der Familien, um den größtmöglichen Frieden für alle Beteiligten erreichen zu können.

Familien in den vielleicht schlimmsten Momenten ihres Lebens zu begleiten braucht viel Feingefühl, erfordert die Fähigkeit, zwischen den Zeilen lesen zu können, ohne dass ein Wort gesprochen wird. Es setzt voraus, dass der Begleiter sich selbst fühlt, sich seinen eigenen Schmerz und seine eigene Trauer anschaut, um die verschwimmenden Grenzen zwischen sich selbst und den begleiteten Familien wahrzunehmen und zu achten.

Immer wieder erlebe ich in Krankenpflegeschulen, dass zwar ein achtsamer Umgang mit Patienten gelehrt werden soll, wenn es jedoch um die Trauer der Krankenpflegeschüler selbst geht, ganze Institutionssysteme kneifen. Eine Schülerin sagte mir: "Ich weiß gar nicht, warum Sie immer wieder unsere eigene Trauer ansprechen, Sie sind doch hier, um uns beizubringen, wie wir mit Angehörigen umgehen sollen."

Diese Aussage macht sichtbar, wie wir mit Sterben, Tod und Trauer im Alltag umgehen und wie wir es unseren Kindern nahebringen. Uns mit Tod und Trauer zu beschäftigen erfordert, dass wir Einkehr halten. Nicht das Außen muss betrachtet werden, sondern unser Innerstes.

Lernen wir nicht achtsam mit uns selbst zu sein, wird unsere Seele unserem Körper irgendwann signalisieren: Zieh die Bremse. Viele Menschen bleiben in der Überlebensstrategie, doch oft bricht der Schutzpanzer auf und der ganze Schmerz kommt zum Vorschein. Dann werden manchmal uralte Tränen geweint und der Schmerz einesganzen Lebens wird sichtbar.

Eltern, Familien und Menschen auf ihrem ganz individuellen Sterbe- und Trauerweg begleiten zu dürfen, ruft immer wieder große Dankbarkeit und Demut in mir hervor. Und wissen Sie was? Bin ich selbst eine Trauernde, geht es mir als Profi genauso wie allen anderen Menschen auch - ich brauche Begleitung. Und es ist gut zu wissen, wo ich sie finden kann.

Herzlichst,
Helga Schmidtke

Über den Autor

Helga Schmidtke

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Sternenkinder – Trauer um ein Kind verstehen und begleiten | COLUMBA