Thema4|16

Vom Annehmen und Hoffen

Im Gespräch mit Professor Giovanni Maio, Philosoph und Arzt.

11 minpp. 613
Anmelden zum Merken
HoffnungAnnehmenPalliative CareGiovanni MaioMedizinethik
Im PDF lesenSeiten 6–13
Vom Annehmen und Hoffen

Vom Annehmen und Hoffen

Yvonne Dauer im Gespräch mit Professor Giovanni Maio, Philosoph und Arzt.

Wenn Verlust, schwere Krankheit oder auch „nur“ die Beschwerden des Alters unser Leben berühren, liegen Freude, Vertrauen und Hoffnung oft in weiter Ferne. Die Situation zu akzeptieren, anzunehmen und dabei auf die Hilfe von Mitmenschen zu vertrauen, erregt immer noch allzu oft Widerwillen und eher Verzweiflung als Versöhnung. Prof. Dr. Giovanni Maio, Philosoph, Arzt und Inhaber des Lehrstuhls für Medizinethik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg plädiert für ein Lebensverständnis, das Annehmen und Hoffen nicht als Zeichen von Schwäche deutet, sondern die Kostbarkeit des Einzelnen gerade in der Angewiesenheit auf die Gemeinschaft zu erkennen vermag. Im Gespräch mit Professor Giovanni Maio, Philosoph und Arzt Vom Annehmen und Hoffen Von Yvonne Dauer

Im Kontext von schwerer Krankheit, Sterben und Tod liest sich der Titel unseres Gespräches auf den ersten Blick wie ein Plädoyer für Verzicht. Verzicht auf Kampf, Verzicht darauf, sich der Situation entgegenzustellen und damit schlussendlich der Verzicht auf aktives Handeln. „Resignation“ kommt manch einem in den Sinn. Ihre Position ist eine andere: Wie kann es gelingen, Annehmen nicht als Verlust von Willensstärke und Mut, eben gar als Resignation wahrzunehmen, sondern als Chance auf Bereicherung? Jeder Mensch braucht Hoffnung, um überhaupt zu handeln. Hätte er keine Hoffnung, so würde ergarkeinen An sporn haben, zu handeln. Aber Hoff nung können wir nur haben, wenn wir bereit sind, uns auf die Zukunft ein zulassen.

Derjenige, der sagt, dass er die Zukunft nur so und nicht anders akzeptiert, dieser hofft nicht, sondern wird bald verzweifeln, weil die Zukunft grundsätzlich offen ist. Wenn wir also nicht bereit sind, uns auf das einzulassen, was die grundsätzlich unverfügbare Zukunft uns auferlegen wird, so wären wir handlungsunfähig. Die Bereitschaft anzunehmen ist daher eine Grundbedingung dafür, überhaupt ein gutes Leben zu führen, ein Leben jenseits der Verbissenheit und der dro henden Verzweiflung. Wenn ich die Bedeutung des Annehmens betone, ist das gerade das Gegenteil von Fatalis mus. Derjenige, der hofft, ist zukunfts gewandt und durchforstet die Zukunft nach allen Möglichkeiten, die sie bietet. Weil er dadurch nach der Zukunft aus langt, hat er einen Drang, die Zukunft von morgen heute schon zu gestalten.

Der Hoffende ist derjenige, der daran glaubt, dass die Zukunft bewältigt wer den kann und gerade deswegen legt er die Hände nicht in den Schoß, sondern bereitet sich heute schon vor, aber eben nicht fixiert auf ein bestimmtes Resul tat, das erzwungen werden muss, son dern zuversichtlich, dass selbst, wenn dieses Resultat nicht eintritt, die Zu kunft dennoch gestaltbar und vor allem bewältigbar bleiben wird. Sehen wir uns das andere Extrem an, ein Annehmen, das einhergeht mit dem Wunsch, dem Leben sofort ein Ende zu setzen. Sie äußern sich hierzu sehr kritisch und sprechen in Ihrem Buch Medizin ohne Maß? davon, „dass wir scheinbar verlernt haben, angemes sen auf einen Suizid zu reagieren.“ An Thema:

Vom Annehmen und Hoffen “ – anderer Stelle der Gedanke, „dass nur die Haltung des Erwartens, des Abwar tens und Zulassens der angemessene Umgang mit dem Sterben als einem Teil des Lebens sein kann – und nicht die Haltung des Machens.“ Weiter, „dass dem Sterben in der Haltung des Ma chens nicht adäquat begegnet werden kann.“ Dürfen wir in einer derartigen, sehr individuellen, sehr subjektiven Grenzsituation Forderungen nach dem richtigen Maß stellen? Danach, ob ein Verhalten „adäquat“ ist? Begeben wir uns hier nicht in die Gefahr, ein neues Dogma zu errichten? Das ist ein Missverständnis. Mir geht es nie um die Normierung des Verhal tens eines leidenden Menschen. Von ihm etwas zu fordern, ist doch mehr als unangemessen. Er fordert uns und nicht umgekehrt. Er fordert uns auf, angemessen auf seine Not zu reagieren.

Wenn ich sage, wir haben verlernt, an gemessen auf den Suizid zu reagieren, meine ich damit, dass wir kollektiv so tun, als wäre es doch vernünftig, in die ser oder jener Situation sich selbst zu töten. Ich finde, dass der Suizid eines Menschen uns aufwühlen muss und wir nicht eine Normalisierung des Suizids dergestalt vornehmen dürfen, dass wir sagen: Ja, das ist plausibel, dass er sich tötet. Plausibel? Das heißt doch, dass wir selbst eine Bewertung vornehmen und sagen: Dieses Leben, das er jetzt als kranker Mensch gelebt hat, war in der Tat kein Leben, das es wert war, wei tergelebt zu werden. Das ist der Fehler im Denken.

Eine Plausibilisierung des Suizids ist eine Übernahme der Nega tivbewertung des Lebens, die zwar von dem Betroffenen so empfunden werden kann, die wir uns aber nicht zu eigen machen dürfen, weil das eine Resigna tion wäre. Wir müssen uns dafür inter essieren, warum er den Tod vorzieht und dürfen uns mit den Widrigkeiten nicht zufriedengeben. Der Suizid ist eine Aufforderung, noch mehr gegen das anzugehen, was den Suizidwunsch aufkommen ließ, gegen die kollektive Entwertung gebrechlichen Lebens, gegen die Angst, anderen zur Last zu fal len, gegen die Vorstellung, man könne nur dann ein gutes Leben führen, wenn man keine Hilfe Dritter braucht. Gegen diese kollektiven Vorstellungen müssen wir viel entschiedener gegenteilige Signale setzen.

Das meine ich mit angemessen reagieren, und es wäre nicht angemessen, dem In-Not-Seien den vorzuschreiben, wie er zu denken hat. Aber darum ringen, ihm zu zei gen, dass er uns etwas bedeutet, dass er nicht entwertet ist, dass es für uns eine Selbstverständlichkeit ist, ihm zu helfen, dass er uns jeden Tag so viel zurückgibt, das müsste man sagen und nicht einfach: Ich verstehe gut, dass du dich jetzt töten willst. Was ist notwendig, damit das Anneh men der Zukunft glücken kann und die Situation positiv verändert? Annehmen können wir eben nicht al lein. Wir können nur dann annehmen, wenn wir uns in einer Gesellschaft wis sen, die uns die Wertschätzung des Sei enden vorspiegelt.

Eine Gesellschaft, die gebrechliches Leben schon vor der Geburt ausmustert und das als rationa le Klugheitswahl hinstellt, eine Gesell schaft, die die Geburt von Kindern mit Behinderungen als Fehler im Repro duktionsmanagement auffasst und eine kollektive Fahndung nach Kindern mit Trisomie 21 als Fortschritt preist, eine Gesellschaft, die nicht nach der Not bedrängter alter Menschen fragt, son dern in der Tötungspille die adäquate Antwort sieht, eine Gesellschaft, die den gebrechlichen Menschen kollektiv als Schwundstufe des Menschseins an sieht, eine solche Gesellschaft macht es einem schwer, das Annehmen zu ler nen.

Deswegen müssen wir gegen die Strö me unserer Zeit andenken und müssen die Einzigartigkeit eines jeden Lebens – in jeder Phase, in jeder Situation – hervorkehren und gegen eine Entwer tung gebrechlichen Lebens entschieden vorgehen. Zugleich müssen wir für eine Kultur der Angewiesenheit eintreten, um zu verdeutlichen, dass das Ange wiesensein auf die Hilfe Dritter kein Ausnahmezustand, sondern ein Nor malzustand ist. Es ist das Normalste der Welt, dass man auf andere angewie sen ist, das ganze Leben hindurch, im Alter etwas mehr, aber die Angewiesen heit gehört zu unserem Leben dazu und ist nicht die Katastrophe, für die sie oft gehalten wird.

Die Unterstützung und Fürsorge einer Gesellschaft, die eben diese Menschen auffängt, ist von immenser Wichtigkeit und doch sehen wir uns zunehmend mit Tendenzen konfrontiert, die uns nachdenklich stimmen: Sie selbst ha ben in einem Ihrer Bücher bereits auf einen Werbespot aufmerksam gemacht, der mit dem Slogan „Älter werden – kein Problem. Nachlassen kommt für mich nicht in Frage!“ ziemlich explizit suggeriert, dass Nachlassen (des Energieniveaus, der Gesundheit, der Optik) ein Armutszeugnis ist. Dieser Slogan ist Giovanni Maio geradezu ein Aufruf, den Makel des Al terns doch bitte gründlich zu kompen sieren – mit Energie bis zum Umfallen. Und kürzlich freute sich ein beliebtes Frauenmagazin auf eine zu erwarten de „Genperfektion“ – man munkelte, ein Promipärchen erwarte Nachwuchs.

Vollkommenheit, Sie haben es eben noch einmal deutlich gesagt, wird mehr und mehr zur Mindestanforderung. Wie schaffen wir es, gerade im scheinbar Unvollkommenen, das eigentlich Wertvolle wieder wahrzunehmen? Die Vollkommenheit des Menschen liegt nicht darin, dass er perfekt ist, son dern in der Einzigartigkeit einer jeden Person, eines jeden Wesens auf unserer Welt. Das ist das Faszinierende am Le ben, dass es kein doppeltes Leben gibt, sondern nur unverwechselbares Leben. Es ist sehr wichtig, den Blick dafür zu schärfen, dass jeder Mensch eben ge nau so gemeint ist, wie er ist. Was wir mit der Ästhetik erreichen, ist ja die Negierung der Einzigartigkeit und die Etablierung einer bestimmten Norm.

Jeder Mensch ist auf seine Weise fas zinierend, wenn wir nur bereit sind, uns für ihn zu interessieren, seinen Facettenreichtum zu erkunden und zu lernen, ihm mit Neugier und Staunen zu begegnen. Dann braucht der alte Mensch eben kein Lifting, keine An ti-Aging-Creme, kein Fit-sein-Müssen, sondern er kann so sein, wie er ist: Ein Mensch einer bestimmten Lebenspha se, die deswegen so wichtig ist, weil die Lebensphase des alten Menschen eben auch Potentiale hat, die andere Le bensphasen nicht haben. Es gibt einen eigenen Wert des Alters. Heute glau ben alle, um angenommen zu werden, müssten sie auch im Alter jugendlich sein. Ich finde das bedenklich.

Ein al ter Mensch darf alt sein, weil er uns als alter Mensch so viel geben kann, was ein junger Mensch nicht kann: einen unverblümten Blick auf die Wirklich keit, einen Sinn für das Wesentliche, einen Weitblick, eine innere Ruhe, ein Ablassen von der Geschäftigkeit, eine Betonung des Seienden vor dem Ma chenden… Das heißt, dass wir auch im Zustand der Angewiesenheit Freiheit und Auto nomie erfahren und leben können? Autonomie bedeutet doch nicht, alles machen zu können, was man will. Dann wäre niemand autonom. Autonomie bedeutet, sich in ein gutes Verhältnis zu den unvermeidbaren Begrenzungen des Lebens zu bringen. Derjenige ist au tonom, der in kreativer Weise mit den Begrenzungen des Lebens umgehen kann. Auch der gebrechliche Mensch bleibt autonom, aber er gehtanders mit seinem Leben um.

Er beharrt nicht darauf, alles noch zu können, sondern er stellt sich auf die neue Lebensphase ein und erkennt, was wirklich wichtig ist. Er entdeckt auch neue Werte: Dass es eben auch einen Wert haben kann, nicht geschäftig sein zu müssen, Dinge bewusster zu machen, weniger zu ma chen. Dass es einen Wert haben kann, eben „nur“ zu sprechen, da zu sein und nicht immer etwas tun zu müssen und dabei in ruhelosen Aktionismus zu ver fallen. Der alte Mensch gibt uns etwa nicht nur durch sein Tun allein, sondern vor allem durch sein Sein. Er gibt uns auch dadurch etwas, dass er von seinem Le benerzählt oder uns sein Leben gar als ein Vermächtnis übergibt. Die Bot schaft dieses Vermächtnisses resultiert daraus, dass er sein Leben so und nicht anders gestaltet hat. Er hat uns etwas vorgelebt – und das kann uns sehr viel geben.

Ein schöner Gedanke – dem doch leider allzu oft die Realität mit traurigen All täglichkeiten gegenübersteht. In Ihrem Buch Den kranken Menschen verste hen erzählen Sie von einer Bekannten, die eine sehr liebgewonnene Person nicht mehr besucht, weil diese auf grund ihrer Demenzerkrankung keine Unterhaltungen mehr führen kann… Die Demenzerkrankung ist eben ein gutes Beispiel dafür, wie wir den Men schen reduzieren auf das, was er nicht mehr kann und eine Defizitfolie über ihn ziehen. Der Demenzpatient gibt uns sehr viel, weil auch er unverwechselbar geblieben ist. Wir sprechen von De menz und meinen damit unwillkürlich, dass er keinen Geist, keinen eigenen Charakter, kein eigenes Wesen mehr hat. Das ist grundlegend falsch.

Der Demenzpatient ist voller Erinnerungen und voller Erlebnisse, aber diese Erin nerungen sind unter einem Schleier versteckt. Wir müssen den Schleier auf reißen und das können wir eben nicht durch Smalltalk, sondern nur über an dere Kommunikationswege. Wir müs sen den ästhetisch-leiblichen Aspekt des Menschen dann in den Mittelpunkt stellen, ihn eben ansprechen, nicht nur durch Worte, sondern vor allem durch Berührung, durch Musik, durch Tanz, durch Düfte, durch die Zartheit eines Blickes. So vieles können wir tun, um aus einem De-Menz-Patienten einen Re-Menz-Patienten zu machen, einen Menschen, den wir wiedererkennen, dem wir Erlebnismöglichkeiten geben, und dann sehen wir, dass dieser De menz-Patient ganz anders ist als alle anderen, weil er eigene Erinnerungen hat, die wir nur wachzurufen haben, durch eine empathische Beziehung.

Wie kann Angehörigen und Freunden bei der Sensibilisierung für diese neue Art von Kommunikation geholfen wer den? Viele erfahren diese Situation an fangs sicherlich als Überforderung… Man muss die Verzweiflung der Ange hörigen sehr ernstnehmen. Der Patient braucht diese Beziehungen und er kann sich immer noch – jeden Tag – überdiese gelebten zwischenmenschlichen Thema:

Beziehungen freuen. Wir müssen den Angehörigen nur dabei helfen, ein Sen sorium dafür zu entwickeln, wie sie in einer ganz anderen Weise jeden Tag in echtem tiefen Kontakt mit ihrem kran ken Angehörigen bleiben können. Inwiefern sind an dieser Stelle auch verstärkt die behandelnden Ärzte ge fragt? Jeder ist gefragt, die Ärzte, aber vor allem die Pflege und die ehrenamtlich Tätigen. Die Nachbarn, die Freunde, aber eben auch die Medien, die aufhören müssen, von der Demenz als einer „Reise in die Dunkelheit“ oder eines „Abschieds vom Ich“ zu sprechen. Das sind unreflektierte Stereotypien, die die Angst der Menschen schüren und eine unverantwortliche Ablehnung und Scheu vor dieser Krankheit befördern.

Wenn es denn nun tatsächlich gelingt, wenn der Mensch gelernt hat Anzu nehmen, wenn er Unterstützung durch Familie, Ärzte und die Gesellschaft erfährt, dann kann dies der Nährboden für etwas sein, das Sie als „Hoffnung“ bezeichnen. Ein Begriff, der uns allen bekannt ist, oft wahrgenommen als der letzte Strohhalm: „Wenn gar nichts mehr geht, gibt es ja immer noch die Hoffnung…“. Sie hingegen beschreiben die Hoffnung als einen Anfang… Die Hoffnung lebt von einer Gewissheit, die für den Hoffenden eben tragend ist, und das ist die Gewissheit, dass es Sinn macht, an das Morgen zu glauben. Hoff nung ist die Negation der Sinnlosigkeit und die Affirmation von Sinn, die Af firmation des Jetzt in seiner Sinnhaftig keit - trotz allem! Das ist das Besondere.

Die Hoffnung bezieht sich auf grund sätzlich Realisierbares, sie erkennt aber, dass die Zukunft noch nicht verfügbar und vor allem nicht garantiert ist. Eben deswegen hat Hoffnung sehr viel mit Annehmen zu tun. Hoffnung ist eben nicht eine verklärte Sicht auf die Zukunft, sondern eine ganz klare Sicht auf die Zerbrechlichkeit der Existenz, in der der hoffende Mensch dennoch einen Auftrag zur Gestaltung wahr nimmt. Eine Gestaltung allerdings, die eben nicht alleine geht, sondern nur im Bewusstsein tragender Gründe für das eigene Leben – und das sind nicht zu letzt andere Menschen.

Über den Autor

Yvonne Dauer

Verwandte Artikel

Aus dieser Ausgabe

COLUMBA

4|16

Die vierte und letzte Ausgabe von COLUMBA 2016 widmet sich dem Annehmen und Hoffen am Lebensende, der Debatte um aktive Sterbehilfe, Übertherapie, Ritualen in der Begleitung Schwerstkranker, Akupressur in der Palliativversorgung und der Kinder- und Familientrauerbegleitung.

Seiten 6–13

Vom Annehmen und Hoffen – Spiritualität am Lebensende | COLUMBA