Thema3|16

Apotheker in der Palliativversorgung

Kompetente Partner an der Seite des Arztes

9 minpp. 68
Anmelden zum Merken
Im PDF lesenSeiten 6–8
Apotheker in der Palliativversorgung

Kompetente Partner an der Seite des Arztes

Apotheker kommen in den Medien nicht sonderlich gut weg - pauschalisierende Stereotypen vom "Schubladenzieher" mit seinen "Apothekenpreisen" oder von neueren Apothekenmodellen wie Versandoder Discounterapotheken verzerren teils eigenverschuldet, teils politisch durchaus forciert das Bild unseres Berufsstandes. Dass Apothekersein - zumindest nach meinem Verständnis - viel mehr heilberufliche und weniger wirtschaftliche Aspekte aufweisen sollte und auch aufweisen kann, wird selten so deutlich wie in der Palliativpharmazie.

Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin definiert Palliativpharmazie als den Beitrag des Apothekers zur Palliativversorgung. Sie umfasst alle pharmazeutischen Aspekte der Versorgung und Begleitung von Palliativpatienten und ihren Angehörigen, unter anderem Arzneimittelversorgung, Medikationsmanagement, pharmazeutische Betreuung und patientenindividuelle Rezepturen.

Betrachtet man sich die einzelnen Punkte, so ist klar: Palliativpharmazie ist Pharmazie in ihrer ureigensten Bedeutung. Sie geht über den reinen Verkauf des Arzneimittels hinaus und umfasst vielmehr auch die Begleitung der Angehörigen und der Patienten. Sei es in Form einer Einweisung in die Darreichungsformen, sei es als vertrauensvoller Ansprechpartner in Krisensituationen oder sei es als Schnittstelle zwischen Arzt und Patient.

Um diesen Ansprüchen kompetent gerecht zu werden, eine einheitliche pharmazeutische Qualität zu etablieren, wissenschaftliche Akkuratesse in der Informationsübermittlung zu gewährleisten und die menschlichen Soft Skills, die für diese vielseitige Aufgabe unabdingbar sind, zu erlernen oder auszubauen, gibt es seit einigen Jahren von den Apothekerkammern Zertifikatsfortbildungen in Palliativpharmazie. In mehreren straff organisierten und inhaltlich sehr vielfältigen Vorträgen werden relevante pharmazeutische Themen vorgestellt und interessierte Apotheker in Trauerarbeit, Patientenkommunikation und Sterbebegleitung eingeführt.

Fairerweise muss man sagen, dass letztere Punkte nur vorgestellt werden. Um Patienten und Angehörige wirklich adäquat begleiten zu können, bedarf es mehrerer Jahre Praxiserfahrung. Bislang schließt sich dem theoretischen Teil ein mehrtägiges Praktikum auf einer Palliativstation, in einem Hospiz oder in einem ambulanten Team an. Hier sollen die theoretischen Kenntnisse über Schmerztherapie, Symptomkontrolle sowie über die Medikation am Lebensende zusammen mit Arzt und Pflege umgesetzt werden. Am Ende der Praxisphase ist, mit Einverständnis aller Beteiligten, eine anonymisierte Projektarbeit zu schreiben, in der Apotheker ihren Fall darstellen sowie ihre Interventionen wiedergeben.

Lieber Leser, Sie werden sich sicher fragen, wieso ich so lange aushole und zu erklären versuche, wie aus einem Apotheker ein Palliativpharmazeut werden kann. Die Antwort ist folgende: Apotheker werden unterschätzt. Unser Berufsstand kann durch sein Studium so viel mehr, als er aktuell können darf oder können soll. In der Palliativpharmazie kann man dies an einfachen Beispielen deutlich machen.

Unser Studium befähigt uns, neben der Bewertung von Interaktionen und Nebenwirkungen, dem Therapeuten wichtige Hinweise über die Pharmaka zu geben, die er in der Therapie einsetzen möchte. Wir können unter geeigneten Voraussetzungen Risiken aufzeigen, Alternativen und Dosierungen vorschlagen sowie dem Arzt, dessen Therapiehoheit stets unangetastet bleibt, wissenschaftlich bewertete Informationen bereitstellen, die ihm helfen, den am besten geeigneten Wirkstoff auszuwählen. Apotheker stehen einem Arzt zur Seite bei Dosisanpassungen und Kompatibilitätsfragen.

Ein weiterer Punkt neben Information und Therapieassistenz - politisch: Medikationsmanagement - ist die ausschließlich pharmazeutisch verortete Kompetenz der Rezepturherstellung. Niemand außer den Apothekern kann das in dieser Form und niemand hat dazu das nötige Know-how. Die Fähigkeit, alternative Darreichungsformen pharmazeutisch sinnvoll zu bewerten und sicher sowie therapeutisch wirksam bereitzustellen, haben nur Apotheker und ihre pharmazeutischen Mitarbeiter.

Es gibt mittlerweile zahlreiche Beispiele in palliativen Situationen: Omeprazol-Suppositorien, nasales Midazolam oder Fentanyl-Nasenspray. Natürlich erfordert die Konstruktion einer solchen Rezeptur, meist als Off-Label-Anwendung, die Auseinandersetzung mit Fachliteratur beziehungsweise die Recherche in einschlägigen Datenbanken. Hier sollte man zumindest Studien bereithalten, die die eigene Idee stützen und zeigen, dass Wirkstoffe sinnvoll alternativ eingesetzt werden können, ohne Schaden zu verursachen.

In Vorträgen werfe ich gerne in den Raum, dass dieser, obwohl ureigen pharmazeutische Bereich, mittlerweile zur Grenzpharmazie geworden ist, weil wir uns allzu sehr mit dem Verkauf von Arzneimitteln und dem kaufmännischen Umfeld auseinandersetzen müssen, anstatt uns auf unsere Tugenden zu besinnen. Pharmaziestudenten würde ich mit auf den Weg geben, sich nicht zu sehr an Beipackzetteln festzuhalten, sondern Wirkstoffe losgelöst von der Zulassung zu betrachten: Sapere aude! Was kann der Wirkstoff noch alles?

Apotheker können - gerade in Zeiten des Apothekenmarktneuordnungsgesetzes und krankenkassenspezifischer Rabattverträge - transparent erklären, warum eine Apotheke nicht immer alles vorrätig hat. Oftmals ist Ärzten, gerade im Klinikumfeld, nicht bewusst, dass wir als Apotheker gezwungen werden, Arzneimittel auszutauschen, und dass es bei der Vielzahl an Rabattverträgen, Krankenkassen und Firmen unmöglich ist, alles immer vorrätig zu halten. Ebenso ist vielen nicht bewusst, dass jede Abgabe von Nichtrabattartikeln die Gefahr birgt, diese Arzneimittel von den Krankenkassen nicht bezahlt zu bekommen.

Die Idee einer gemeinsamen allgemeinen Hausliste oder eines auf die SAPV ausgerichteten Warenlagers bietet sich hier an. Sie kann helfen, die immer wieder spürbare Kluft zwischen Ärzten und Apothekern zu überbrücken: miteinander über Probleme reden, anstatt nur übereinander. Nur zusammen mit dem Arzt können wir alle zum Wohl des Patienten agieren.

Als Palliativapotheker kann er:

  • Ärzten und Angehörigen des Pflegedienstes bewertete Informationen über Arzneistoffe, Nebenund Wechselwirkungen zukommen lassen.
  • Zusammen mit dem Arzt Therapien rational bewerten und gegebenenfalls auf Alternativen aufmerksam machen.
  • Durch die Konzeption und Anfertigung individueller Rezepturen im Einzelfall Therapiealternativen schaffen, die auf dem pharmazeutischen Markt nicht existent sind.
  • Ärzte, Pflegekräfte und Angehörige im Umgang mit speziellen Darreichungsformen schulen.
  • Die Versorgung in Zeiten gesetzlicher Überregulation verbessern, indem er Hauslisten anbietet oder sein Warenlager sinnvoll anpasst.
  • Angehörigen als vertrauensvoller Ansprechpartner in Krisenzeiten zur Seite stehen.

Der Apotheker kann also zusammenfassend auf vielfältige Art und Weise innerhalb der Palliativversorgung tätig sein. Er muss nicht alles gleichzeitig abdecken können, sollte aber ein Mindestmaß an fachlicher und menschlicher Eignung aufweisen.

Viele Kollegen fragen mich, ob sie sich in Palliativpharmazie fortbilden sollen. Ich antworte, vielleicht zu idealistisch, dass sie es nicht des Geldes, sondern um des Themas willen tun sollen. Wenn sie bereit sind, Zeit und Geld in eine interessante Sparte unseres Berufs zu investieren, die sich menschlich mehr auszahlt als monetär, und wenn sie Patienten und Angehörige begleiten können, dann ja. Wenn sie es aus rein kaufmännischen Gründen tun wollen, rate ich eher davon ab - menschlich und betriebswirtschaftlich.

Anmerkungen

  1. Omeprazol-Suppositorien eignen sich als alternative Darreichung bei krankheitsbedingten Schluckbeschwerden.
  2. Midazolam-Nasenspray kann alternativ zu Phenobarbital-Suppositorien bei Krampfanfällen eingesetzt werden.
  3. Fentanyl-Nasenspray kann unter anderem gegen Durchbruchschmerzen verwendet werden.
  4. Off-Label meint die Anwendung eines Arzneistoffs oder einer Darreichungsform außerhalb der gesetzlichen Zulassung.

Über den Autor

Christian Redmann

Verwandte Artikel

Aus dieser Ausgabe

COLUMBA

3|16

Die dritte Ausgabe von COLUMBA beleuchtet die Rolle von Apothekern in der Palliativversorgung, Sternenkinder und Trauerbegleitung, Spiritual Care, craniosacrale Methoden und die bunte Vielfalt ehrenamtlicher Arbeit in Hospiz und Palliativstation.

Seiten 6–8

Apotheker in der Palliativversorgung – Unverzichtbare Partner | COLUMBA