Spiritual Care und Kommunikation
Ein Seelsorger spricht mit einem jungen Mann, der in naher Zukunft sterben wird. Die Themen wechseln: Warum das Ganze? Was wird aus meinen Kindern? Warum lässt meine Frau gerade nicht mit sich reden, wenn ich auf meinen Tod zu sprechen komme? Ist es in Ordnung, wenn ich meinen beiden Jungs eine Videobotschaft aufnehme, damit sie später live hören, dass ich sie liebe? Oder wäre das zu belastend? Bekommen Sie das mit Ihrem Team noch hin, dass wir noch einmal als Familie ein Wochenende wegfahren? Ich habe da mal einen großen Fehler gemacht, der mich immer noch sehr belastet.
Von außen betrachtet befinden sich zwei Männer gleichen Alters in einem ziemlich holprigen Gespräch. Der rote Faden scheint zu fehlen, oft erfüllt Sprachlosigkeit den Raum. Eine Lösung gibt es am Ende irgendwie auch nicht.
Alles ist Kommunikation und Kommunikation ist vielschichtig
Wann ist ein Gespräch ein gutes Gespräch? Woran bemisst sich der Erfolg gelungener Kommunikation - auch und gerade in einer palliativen Situation? Machen besonders kluge Fragen den Unterschied? Wer steuert das Gespräch: Patient oder Seelsorger? In Anlehnung an die großen Kommunikationstheorien unserer Tage bieten sich einige Annäherungen an diese komplexe Fragestellung an.
Paul Watzlawick prägte den bekannten Satz: Man kann nicht nicht kommunizieren. Dies gilt auch für die obige Gesprächssituation. Es stehen Worte im Raum; Seelsorger und Patient kommunizieren mit Blicken und Gesten; selbst die Art und Weise, wie sich der Seelsorger zuwendet, welche Nähe oder Distanz erwählt und welche Sitzposition ereinnimmt, hat Einfluss auf die Kommunikation. Auch Schweigen gehört dazu. Es gibt tatsächlich so etwas wie ein beredtes Schweigen oder eine gefüllte Stille, die intensive Augenblicke erst möglich macht.
Seit Friedemann Schulz von Thun wissen wir, dass Sender und Empfänger im Dialog auf verschiedenen Ebenen kommunizieren. Eine Sachaussage des Patienten kann vom Seelsorger auf der Beziehungsebene oder als Appell wahrgenommen werden - und umgekehrt. Richtig komplex wird es, wenn wir bedenken, dass wir nicht nur äußerlich kommunizieren. Patient und Seelsorger sprechen jeweils auch mit sich selbst in Form innerer Dialoge.
Unterschiedliche Stimmen in uns können die Kommunikation beeinflussen. Der Seelsorger könnte etwa mit inneren Antreibern wie "Ich darf hier keinen Fehler machen" konfrontiert sein. Der Patient könnte plötzlich ein schlechtes Gewissen empfinden, weil er vor dem Seelsorger negativ über seine Frau gesprochen hat. Gleichzeitig gibt es in uns auch gnädige Stimmen, die den kritischen widersprechen.
Für den Seelsorger kann sich eine weitere Schwierigkeit auftun, die Sigmund Freud als Gegenübertragung bezeichnet hat. Der Patient kann in seinem Gesprächspartner etwas anstoßen und Prozesse auslösen. Vielleicht ist der Seelsorger plötzlich mit sich selbst beschäftigt und sieht im gleichaltrigen Patienten wie in einem Spiegel sich selbst und seine eigene Begrenztheit.
Da alles Kommunikation ist, lassen sich diese Anstöße nicht vermeiden. Wir werden in Gesprächen ständig damit konfrontiert, dass Menschen und ihre Themen unsere Welten berühren, in sie eindringen und dass wir Gefahr laufen, unsere eigenen Filme abzuspielen. Eine der wichtigsten Kompetenzen im Bereich Kommunikation - besonders im Rahmen von spiritual care - ist es, diese Vorgänge bewusst wahrzunehmen, sich von ihnen zu distanzieren und sich wieder dem Patienten und seiner Welt zuzuwenden.
Unterschiedliche Welten begegnen sich
Wenn es dem Seelsorger gelingt, die eigenen Filme zu identifizieren und zunächst zur Seite zu legen, kann er versuchen, die Welt des Patienten mit dessen Augen und Herzen zu sehen. Dieser Versuch wird nie zu 100 Prozent gelingen, dennoch ist das ständige Bemühen darum eine der größten Herausforderungen pastoraler Gesprächsführung.
Es gehtdarum, in die Fußstapfen des Patienten zu treten und seine Sicht auf die Welt, auf seine Krankheit, auf die Hoffnung, die ihn trägt, oder die Hoffnungslosigkeit, die ihn verzweifeln lässt, zu erspüren. Carl Rogers nennt diese Kompetenz Empathie. Zusammen mit Akzeptanz und Kongruenz ergibt sich daraus eine kommunikative Grundhaltung, die für Gespräche im Rahmen von spiritual care unabdingbar ist.
Akzeptanz meint Wertschätzung. Der Seelsorger begegnet dem jungen Vater ohne Beachtung von Stand und Religion. Er bewertet nicht moralisch und verurteilt nicht, wenn dieser von einem Fehler in der Vergangenheit erzählt. Er ist da, auf Augenhöhe, hält mit aus und drückt mit dieser Haltung Respekt vor der Einzigartigkeit des Menschen aus.
In diesem Kontext steht auch der bekannte Satz von Cicely Saunders: "Sie sind wichtig, weil Sie eben Sie sind. Sie sind bis zum letzten Augenblick Ihres Lebens wichtig, und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben können." Diese Haltung hat Konsequenzen für die Kommunikation: vorurteilsfrei, zugewandt, einfühlsam, wertschätzend und echt.
Echte oder kongruente Kommunikation gelingt, wenn der Seelsorger sich nicht hinter einer Rolle verschanzt, sondern sich offen, echt und authentisch dem notleidenden Vater aussetzt. Er muss nicht alles wissen, nicht alle Fragen beantworten, nicht jede ohnmächtige Stille unmöglich machen, nicht funktionieren. Es wäre schön, wenn er einfach da wäre - als Gesprächspartner, als Seelsorger, als Mensch.
Die klientenzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers erklärt ohnehin den Klienten - hier den Patienten - zum Experten seines Lebens. Die Themen des jungen Mannes, der noch wenige Lebenszeit vor sich hat, haben Themen des Gesprächs zu sein. Die Stille, die er selbst wählt, entspricht der Gewichtigkeit der Situation. Manchmal sind Worte einfach zu banal.
Das Gespräch ist zu Ende. Die beiden Männer sind sich für einen Moment ihres Lebens begegnet und haben miteinander kommuniziert - vielleicht holprig auf den ersten Blick, möglicherweise ohne roten Faden und mit manchen Pausen. Zwei Welten haben sich für diesen Dialog berührt. Nun gehenbeide wieder zurück in ihre Welten. Vielleicht hinterlässt das Gespräch dort Spuren. Die Kommunikation gehtweiter.

