Sterben kann auch schön sein
Tagebuch
Freitag, 26.06.2015
Gegen Mittag erreicht mich eine Nachricht meines Bruders. „Wann kannst Du zu Mama gehen am Wochenende?“. Ich antworte – “Samstag von 8-10 Uhr und Sonntag ab 17 Uhr” Mein Telefon klingelt. „Das reicht nicht“ sagt mein Bruder. „Mama kann nicht mehr alleine bleiben. Sie ist zu schwach.“ Ich sitze im Auto, denke nach. Ich habe doch Termine am Wochenende, wollte zum Pferd, meine Tochter kommt am Sonntag heim. Vor drei Wochen habe ich doch noch mit Mama den Garten umgegraben? Mama ist jetzt 70 Jahre alt, hat seit sechs Jahren Krebs. Erst Darmkrebs, seit drei Jahren Leberkrebs. Das letzte Jahr – ok, es war nicht gut. Ständig Krankenhaus, der Zustand besser, der Zustand schlechter. Zuletzt eine Chemotherapie. Am Mittwoch war sie aus dem Krankenhaus zurückgekehrt. Schwach auf den Beinen. Körperlich gezeichnet.
Wir wissen um Ihre Krankheit und um ein mögliches Ende. Aber so plötzlich? Ich bringe zunächst meine Tochter zu Papa. Wir leben getrennt. Er ist für unsere Tochter da. Gemeinsam mit den Schwiegereltern. Das gibt mir Kraft. Ich gehedanach zu einer Freundin in der Nachbarschaft. Ein bisschen reden, den Kopf frei bekommen. Ich werde dann gleich morgen zu Mama fahren, denke ich. Gegen halb zwölf nachts laufe ich nach Hause. Ich packe meine Tasche und fahre zu Mama. Kurzschlussreaktion. Ein Bauchgefühl. Leise schleiche ich mich in die Wohnung, so leise es der alte knarrende Dielenboden zulässt. Ich decke mir das Bett im Gästezimmer auf. Mama schläft. Um ein Uhr werde ich wach, der Dielenboden knarrt. Ich laufe in den Flur. Mama tappt Richtung Toilette. Als sie mich sieht, erschrickt sie. „Wo kommst Du denn her?“.
„Ich wollte bei dir sein, Mama.“ Samstag, 27.06.2015 Ich wache um sieben Uhr auf. Mama liegt noch im Bett. Sie ist schwach. Sie spricht wirr. Kann nicht gut laufen. Von Eva Mittenzwei Sterben kann auch schön sein. Vom Mut und der Fähigkeit Ängste zu überwinden und eine(n) Angehörige(n) zu Hause „nach Hause“ zu begleiten. Nichts ist unmöglich, wenn man den Mut hat, etwas zu wagen. Diese Aufzeichnungen sind zehn Tage nach dem Tod meiner Mama entstanden. Sie sollen nicht beschreiben wie Mama starb, sondern sollen Mut machen, Grenzen zu überwinden. Sterben gehört zum Leben dazu. Es ist etwas ganz Natürliches. Vorwort „Wenn Sie sich 5-10 Tage Zeit nehmen können, dann bleiben sie mit ihrer Mama hier bei ihr zu Hause. Wir helfen Ihnen dabei.“ Gegen Mittag kommen mein Bruder und seine Frau.
„Heute Nachmittag kommt das Palliativteam“ sagt mein Bruder. „Wir müssen uns beraten lassen, wie es weitergehen soll.“ Zwei Wochen zuvor hatten mein Bruder und ich einen Beratungstermin beim Hospizverein der Diakonie. Nur um uns zu informieren. Wir überarbeiteten gemeinsam mit Mama ihre Patientenverfügung und bereiteten eine Vorsorgevollmacht vor. Nur für den Fall der Fälle. Auch das Thema „Sterben“ besprachen wir mit Mama. Jahrelang hatte sie uns „abblitzen“ lassen, wenn wir darüber reden wollten. „Seid doch nicht so negativ“, sagte sie. „Ich werde gesund.“ Wir wollten nur nicht irgendwann ohne Informationen dastehen. Wir wollen doch wissen was sie sich wünscht. Mama stimmte einer letzten Zeit im Hospiz zu. Nach einem dreistündigen Besuch im Hospiz in Darmstadt waren mein Bruder und ich uns einig – hier ist es wirklich schön.
Um 16 Uhr klingelt es an der Tür. Eine Ärztin und eine Assistentin des Palliativteams sind da. Mama liegt auf der Couch.
Dort war ich am Morgen mit ihr hingelaufen. Im Bett wolle sie nicht bleiben. „Es sei ja jetzt Tag“ sagte sie. Mamas Zustand wird begutachtet. Viel sagt Mama nicht, sie döst. Seit Donnerstag bekommt sie bereits Morphium gegen die Schmerzen im Bauchraum. Wir gehen mit dem Palliativteam in die Küche. „Was sollen wir tun?“ fragen wir. „Ein Hospizplatz ist noch nicht frei. Sollen wir uns hier im Pflegeheim erkundigen?“ Ich bin berufstätig, alleinerziehend, habe eine Tochter, sage ich. Mein Bruder ist selbstständig, hat Angestellte, Baustellen. Seine Frau arbeitet auch. „Wir können uns nicht 24 Stunden um Mama kümmern. Und wir haben auch Angst davor. Wir sind doch keine Ärzte.“ Geduldig hört man uns zu. Wir überhäufen die beiden Mitarbeiterinnen des Palliativteams mit Fragen. Als wir fertig sind, beginnt die Ärztin zu sprechen.
„Wenn Sie sich 5-10 Tage Zeit nehmen können, dann bleiben sie mit ihrer Mama hier bei ihr zu Hause. Wir helfen Ihnen dabei.“ Fünf bis zehn Tage? In dieser Zeit wird Mama sterben? Wir wissen um Ihren schlechten Zustand aber diese Ansage trifft uns wie ein Schlag. Aber sie befreit uns auch. Niemand hat bisher so offen mit uns gesprochen. Meine Tasche steht noch im Gästezimmer. Ich bleibe. Mein Bruder übernimmt dann die Nächte ab Sonntag. Seine Frau unterstützt uns wo sie nur kann. Mein Neffe ist auch an Board. Ich muss ja wieder arbeiten. Meine Tochter muss zur Schule. Es wird anders kommen. Und das ist auch gut so. Am Nachmittag setzt sich Mama auf der Couch auf. Ich habe ihr etwas geSterben kann auch schön sein kocht, sitze neben ihr. Mama möchte die Schüssel selbst halten, die Gabel auch.
Weder das eine noch das andere klappt wirklich gut.
Mama wird grantig, als ich versuche ihr zu helfen. „Lass mich“ sagt sie. Ich nehme ihr langsam die Gabel aus der Hand und sage „Mama, ich erinnere mich zwar nicht mehr so genau daran, aber ich glaube, du hast mich die erste Zeit meines Lebens auch gefüttert. Sonst wäre ich verhungert.“ „Ja“, sagt Mama. Sie isst etwas und schläft dann wieder. Den Abend verbringen wir mit telefonieren und SMS schreiben. Familie, Freunde, Bekannte informieren. Einer nach dem anderen meldet seinen Besuch an. Ist das nicht zu viel auf einmal, fragen wir uns. Nein, ist es nicht. Wenn es zu spät ist, kann niemand mehr kommen. Wir schaffen das schon, die Wohnung ist groß genug. Sonntag, 28.06.2015 Die Nacht war ruhig. Einmal knarrte der Dielenboden. Mama stand in der Schlafzimmertür. Ich half ihr auf die Toilette zu laufen. Mein Bruder kommt gleich am Morgen.
Auch der Pflegedienst unterstützt uns jetzt jeden Tag und hilft Mama bei der Körperpflege. Am späten Morgen helfen wir ihr vom Bett im Schlafzimmer auf die Couch. Das Laufen fällt ihr schwer. Es wird der letzte Tag sein, an dem sie mit uns in verständlichen Sätzen spricht. Den ganzen Sonntag über ist das Haus voll. Familie, Freunde. Wir essen gemeinsam. Alle Türen sind geöffnet, die Sonne scheint, Musik läuft. Meine Schwägerin hat toll gekocht. Mama döst. Jeder nimmt sich seine Zeit alleine bei ihr. Redet mit ihr. Antworten kann sie am Nachmittag schon nicht mehr. Am Morgen hat sie uns noch sagen können, dass sie sich Ei, Spinat und Kartoffeln wünscht. Ein wenig davon isst sie am Nachmittag. Wir füttern sie. Wie sie uns einstgefüttert hat. Montag, 29.06.2015 Die Nacht war wieder recht ruhig. Diesmal war mein Bruder bei Mama. Ich war bei meiner Tochter zuhause. Habe ruhig geschlafen.
Trotzdem sind wir müde und erschöpft. Wieder haben sich viele Menschen angemeldet, um Mama und uns zu besuchen. Um halb neun am Morgen kommt mein Bruder mit Oma. Mamas Mama. Oma ist 93, für ihr Alter top fit. Sie lebt im Seniorenheim im selben Ort. „Ich bleibe über Nacht hier, im Heim wird der Boden neu gemacht. Und ich habe ja hier auch ein Zuhause“, sagt Oma freudig. Wir sind überrascht. Ja, sie hat ein eingerichtetes Zimmer bei Mama. Aber wird das nicht zu viel? Zu viel für uns, wenn wir jetzt auch noch auf Oma achten müssen? Heute schämen wir uns für den Gedanken. Es ist doch ihre Tochter die hier im Sterben liegt. Schickt man eine Mutter von ihrem Kind weg? Nein. Oma bleibt. Die ganze Woche. Wir bemerken, dass es ein großes Geschenk ist, sie da zu haben. Der Tag gehtdahin. Das Haus voller Menschen. Familie, Freunde. Auch eine Ärztin des Palliativteams ist noch einmal da.
Mit Familie und Freunden essen wir gemeinsam. Alle Türen sind geöffnet, die Sonne scheint, Musik läuft. Wir schauen uns gemeinsam Fotoalben an. Sprechen darüber. Mama spricht nicht mehr. Aber sie hört uns ganz sicher. Sie schläft viel. Am Morgen hatten wir sie mit dem Toilettenstuhl zur Couch gebracht, am Abend wieder zurück ins Bett. Sie mag nichts mehr essen, trinken fällt ihr schwer. Am Mittag fahre ich kurz heim zu meiner Tochter, am Nachmittag nochmal alleine zu Mama. Am Abend bringe ich meine 11-Jährige gegen 21 Uhr erschöpft ins Bett. Ich hatte die letzten Tage mit ihr über Mamas Zustand gesprochen, ihr freiAlle Türen sind geöffnet, die Sonne scheint, Musik läuft. Wir schauen uns gemeinsam Fotoalben an. Sprechen darüber. gestellt noch einmal mitzukommen. An der Bettkante sagt sie „Mama, morgen komme ich mit zu Oma, versprochen“.
Als ich die Tür schließen will, fängt sie an zu weinen. „Mama, ich will doch sofort zu Oma. Wenn Sie heute stirbt, dann habe ich sie nicht mehr gesehen.“ Also los – Hose an, Schuhe an. Wir fahren zu Oma. Gegen 23 Uhr sind wir wieder zu Hause. Dienstag, 30.06.2015 Meine Tochter entscheidet sich nochmal mit zur Oma zu kommen. Die Familie auf einem Haufen. Das ist Leben. So traurig der Anlass, so schön ist das gemeinsame Leben in diesen Tagen bei Mama in der Wohnung. Bis 16 Uhr bleibe ich mit meiner Tochter. Sie sitzt viel bei Oma, redet mit ihr. Auch viele Freunde sind da. Es ist schön. Wirklich schön. Meine Tochter wird später von ihrem Papa abgeholt. Sie ist erschöpft. Von der Schule stelle ich sie frei. Es ist eine Ausnahmesituation. Ich selbst bin seit Montag von der Arbeit befreit. Mein Bruder hat seinen Betrieb für eine Woche geschlossen. Wir können danach noch viele Jahre arbeiten.
Mama war den ganzen Tag sehr unruhig. Sie nestelt an sich rum, wir fragen sie, was wir tun können. Sie antwortet nicht mehr. Alles was uns bleibt, ist für sie da zu sein. Am Abend sitzen wir bei ihr, sie ist immer noch unruhig. Die Nacht wird die schlechteste der ganzen Woche. Mama bleibt nun auf der Couch. Ihre Kraft reicht nicht aus, um mit unserer Hilfe mit dem Toilettenstuhl ins Schlafzimmer zu fahren. Sie ist pflegebedürftig. Komplett. Mein Bruder, mein Neffe und ich sitzen noch bis tief in die Nacht bei ihr zusammen, versuchen Mama zu beruhigen. Mein Bruder und ich bleiben ab jetzt nachts zu zweit bei Mama. Bis in die Morgenstunden schläft sie nicht richtig. Wir selbst bekommen ein paar unruhige Stunden Schlaf auf dem Teppich und auf einer Matratze. Mittwoch, 01.07.2015 Nach dem täglichen Besuch des Pflegedienstes besucht uns am Mittag eine Hospizhelferin.
Sie strahlt Ruhe und Wärme aus. Wir mögen sie sehr. In der ganzen Zeit hat sie uns schon unterstützt. Mama ist immer noch sehr unruhig. Selbstständig getrunken, hat sie nicht mehr seit Montag. Auch nicht gegessen. Ihre Patientenverfügung untersagt die Zufuhr von Flüssigkeit und Nahrung. Alles was jetzt geschieht, ist ein ganz natürlicher Vorgang. Nachmittags verlasse ich für ein paar Stunden das Haus. In der ganzen Zeit bisher nehmen mein Bruder und ich uns abwechselnd Auszeiten. Ohne die geht es nicht. Als ich am Abend zurückkehre, steht das Auto des Palliativteams vor Mamas Tür. Ich renne hoch in die Wohnung. „Mama hatte einen Blasenstau“ sagt mein Bruder. Nach legen eines Katheters schläft sie tief und fest ein. Welch eine Erlösung muss das sein. Wir sind beruhigt. Die Nacht wird gut. Donnerstag, 02.07.2015 Mama schläft immer noch. Es ist das sogenannte Leberkoma. Regungslos.
Nur das Herz schlägt noch. Die Atmung wird flacher. Das Palliativteam ruft jeden Tag an, um sich zu erkundigen. Wir fühlen uns einfach gut betreut. Das gibt uns Kraft. Es ist eine unerträgliche Hitze. Wassermelone tut uns allen gut. Oma bügelt schon seit Tagen all unsere Wäsche. Mittags schläft Oma in ihrem Zimmer. Es ist so schön sie da zu haben. Mamas Lieblings CD läuft auf und ab. Wir rechnen jeden Moment damit, dass sie „nach Hause“ geht. Freitag, 03.07.2015 Die Hitze wird immer schlimmer. Die Außentemperaturen steigen über 38 Grad. Auch in der Wohnung ist es nicht besser. Mama bekommt Fieber. 41 Grad. Wir kühlen ihre Beine, Arme und den Kopf mit feuchten Handtüchern. Das hilft. Ein Anruf beim Palliativteam beruhigt uns. Alle Freunde, Bekannte, Familienmitglieder waren nun da. Mama darf „nach Hause“ gehen. Wir sind bei ihr. Wir lassen sie nicht alleine.
Samstag, 04.07.2015 Der Tag verläuft wie der Tag davor. Es ist furchtbar heiß. Erdrückend. Mamas Fieber ist runtergegangen. Wir sind alle erschöpft. Eine Woche ist nun vorbei. War das eine gute Zeit! Wir können nicht aufhören darüber zu reden. Es war wirklich schön. Und wer alles da war. Und die Musik, die Gespräche. Mama findet das sicher auch schön. Das hoffen wir doch. Um 16.30 Uhr an diesem Tag atmet Mama zum letzten Mal ein und aus. An ihrer Seite sitzt Oma, ihre Mama. Und Mamas Vermieterin, für Mama wie eine Schwester. Mein Bruder und ich hatten zu dieser Uhrzeit das erste Mal gemeinsam das Haus verlassen. Mama hatte diesen Zeitpunkt vielleicht so gewählt. Wir nehmen uns viel Zeit um Auf Wiedersehen zu sagen. Denn wir freuen uns auf ein Wiedersehen. Wir zünden Kerzen an, legen ihr persönliche Gegenstände von uns in die Arme. Die Pfarrerin kommt zur Aussegnung. Ja, es ist ein Segen.
Diese Zeit die wir mit Mama hatten. Es ist ein Segen. Die Zeit die jetzt für sie kommen wird. Ohne Schmerzen. Schlusswort Wenn wir eines in dieser Woche gelernt haben, dann ist es zu vertrauen. Abzugeben. Loszulassen. Sich etwas zu trauen, sich etwas zuzutrauen. Mit der Hilfe von Menschen, der Familie, Freunden, Pflegedienst, Palliativteam, Hospizhelfern. Nichts ist unmöglich wenn man den Mut hat, etwas zu wagen. Wir sind unendlich dankbar. Für die Jahre mit Mama. Und diese letzte Zeit. Es war und ist ein großes Geschenk.

