Der besondere Fall: Spiritual Care
Patientin, weiblich, Jahrgang 1972
Diagnose: metastasiertes Colonkarzinom
Lebensgeschichten werden niemals zur Routine, sie sind individuell und bunt. Manche Schicksalsschläge allerdings nehmen besonders mit, oft das ganze Team. Das wird bei jener Teamsitzung im Oktober 2012 sofort spürbar, als es um die Patientin Bianca P. und ihre soziale Situation geht.
Die 42-jährige Frau und Mutter des kleinen 9-jährigen Felix ist nach einem kurzen Aufenthalt auf der Palliativstation wieder zu Hause und wird dort von den Eltern und Freundinnen umsorgt. Tage vorher hatte sie eine Entscheidung für sich getroffen, folgenschwer für alle Beteiligten und dennoch für die Mutter in ihrer Wahrnehmung die einzig richtige: Ihr Sohn soll ab sofort bei seinem Vater – die Eltern hatten sich getrennt – leben. Er solle das alles nicht miterleben müssen, so der Wunsch der Patientin.
Nun bitten mich in jener Teamsitzung – auf Wunsch der Patientin – die behandelnden Ärzte und Pflegekräfte, Bianca P. zuhause zu besuchen. Sehr schnell kommt die junge Mutter auf den Punkt: es geht zunächst um Felix und um Schuld. Sie ist sich nicht mehr sicher, ob ihre Entscheidung für Felix das Richtige gewesen ist und trägt schwer daran, dass sie nach ihrem Tod nicht mehr für ihn da sein kann. „Mir kann keiner verzeihen, wo ich doch meinen Sohn zurücklasse“. Überhaupt wisse sie nicht, was danach komme, das wollte sie mich eben fragen. Gleichzeitig macht sie aber deutlich, dass sie nicht mit „einfachen“ Antworten abgespeist werden wolle. „Erzählen Sie mir nichts, was Sie nicht wirklich wissen“, so ihr Auftrag an mich.
„Ich könnte Ihnen davon erzählen, was ich glaube, worauf ich hoffe, wenn Sie das wünschen.“ Im Laufe des weiteren Gesprächs geht es zum einen um die Schuldfrage und die Tragik ihres persönlichen Schicksals, zum anderen um Gott und meine Hoffnung. Ich erzähle vor allem Biographisches, von Menschen, die mich bedingungslos liebten und mir diesen Gott glaubhaft nahe brachten als einen, der an der Seite der Menschen steht und geht. Unter anderem berichte ich von einem Ritual – meine Großmutter zeichnete jeden Morgen, bevorich in die Schule aufbrach, ein Kreuz auf meine Stirn. Eine Berührung mit Ansage: Dir soll nichts passieren. „Behüt’ dich Gott, mein Bub“, so die Oma. Das Gespräch wird noch ein wenig weitergeführt.
Frau P. sagt dem Seelsorger dann, dass sich „alle dort drüben“ (sie meint die Angehörigen und Freunde im Wohnzimmer) fast ein wenig zu viel um sie sorgen und dass sie es kaum ertragen können, wenn sie weint. Deshalb reiße sie sich auch zusammen, wenn sie da sind. Mein Angebot, dies im Wohnzimmer zur Sprache zu bringen, weist sie allerdings klar zurück. Wir vereinbaren einen neuen Termin, zu dem es allerdings nicht mehr kommen sollte. Ich verabschiede mich und stehe schon an der Tür. „Darf ich Sie um etwas bitten? Würden Sie mir auch so ein Kreuz auf die Stirn machen, wie es Ihre Oma bei Ihnen gemacht hat?“ Ich setze mich an ihre Seite und zeichne langsam ein Kreuz auf ihre Stirn. „Behüt’ Sie Gott, Frau P.“
Am Tag nach dem Besuch gibt es zwei Nachrichten für das SAPV-Team. Zunächst rufen die Angehörigen an, um zu sagen, dass der Seelsorger vielleicht nicht mehr kommen solle, da das Gespräch Frau P. so sehr aufgewühlt hätte, dass sie danach geweint habe. Der zweite Anruf kommt am Nachmittag: Frau P. ist gestorben.
Diskussion
Angehörige haben in der Welt von „Palliative Care“ eine große Bedeutung. Sie gehören zum Bezugssystem, auch ihre Not und ihr Schmerz wird gesehen und mitbedacht. Nicht selten führt die ohnmächtige Liebe zu den Patienten auch zu Situationen, in denen palliative Versorgung erschwert wird.
Im Fall von Bianca P. zeigt sich das Bemühen, möglichst allen seelischen Schmerz von der geliebten Tochter und Freundin fernzuhalten. Die starke Frau trägt nicht nur das Leid ihres unsäglichen Schicksals bei sich, sie stützt und schützt den „inner circle“ ihres Bezugssystems. Nach Aussage der Mutter am Ende dieser „spiritual care“-Begegnung waren das Gespräch und auch das „Loslassen“ im Weinen jedoch im wahrsten Sinn des Wortes notwendig.
Der Fall zeigt gleichzeitig für „spiritual care“ auf:
Grundhaltung: Seelsorge bzw. „spiritual care“ geschieht nie von oben herab aus der Perspektive eines „Glaubensexperten“, sondern immer auf Augenhöhe. Spirituelle Themen werden nicht missionarisch aufgedrängt, sondern ergeben sich aus dem Gespräch als Angebot. Unbedingte Wertschätzung muss oberste Maxime seelsorglichen Handelns sein.
Rituale: Die Kirchen haben ein Repertoire an Ritualen, auch für Notsituationen wie Krankheit, Abschiednehmen, Trauer, Sterben und Tod; zu nennen sind hier die klassischen Gebete oder auch Sterbesegen, Krankensalbung oder Beerdigung. Für kirchlich Verwurzelte und als Angebot können diese „Rituale“ sinnstiftend, kraftspendend und befreiend sein. Gleichzeitig erfordern die „bunten“ Biographien in einer ausdifferenzierten Gesellschaft und die individuelle Situation am Sterbebett nicht selten ebenso individuelle Angebote: ein freigesprochenes Gebet kann die Lebenssituation von Patient und Familie ins Wort nehmen, manche Rituale können sich – wie im Fallbeispiel – situativ ergeben.
Dieser kreative und verantwortliche Umgang mit dem Schatz an Traditionen auf der einen und den spirituellen Bedürfnissen von Patienten und Angehörigen auf der anderen Seite ist eine Herausforderung für alle, die im Namen von „spiritual care“ in palliative Situationen gerufen werden. Dieser Herausforderung sollte auch in Aus- und Weiterbildung von Seelsorgerinnen und Seelsorgern entsprochen werden.
Fazit
„Spiritual Care“ ist eine Antwort auf die ganzheitliche Sicht der Palliativmedizin auf den Menschen; das „total care“-Konzept eine Erwiderung auf die Erkenntnis von Cicely Saunders, dass Menschen in ihren letzten Lebenstagen nicht nur körperlichen, sondern auch sozialen, psychischen und seelischen Schmerz bewältigen müssen.
Dabei geht es bei „spiritual care“ um eine ganze Bandbreite von Themen: Veränderungen durch die Krankheit, Tragkraft von Beziehungen, Lebensbilanz, Schuld und Versöhnung oder auch die Frage nach Gott und dem Warum oder dem Danach. Die Erfahrungen beider Kirchen mit Seelsorgerinnen und Seelsorgern in Projektteams ermutigen, diese Dimension in stationärer und ambulanter Palliativversorgung flächendeckend mitzudenken.
Die Tatsache, dass auch bei Palliativteams angesichts der ständigen Konfrontation mit Tod und Sterben spirituelle und rituelle Unterstützung (Gespräche, Totengedenken, spirituelle Angebote) hilfreich und befreiend sein kann, untermauert die Wichtigkeit von „spiritual care“. Weil Lebensgeschichten individuell und bunt sind, rufen sie am Lebensende auch nach ganzheitlicher Begleitung.
Dipl.-Theol. und HP Psychotherapie Markus Starklauf
Referent für Hospiz- und Palliativseelsorge im Erzbistum Bamberg, Palliativseelsorger im SAPV-Team

