Ethik4|16

Töten helfen oder Sterben zulassen?

Situationen, in denen sehr viel und sehr lange miteinander geredet und gerungen wird.

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Töten helfen oder Sterben zulassen?

Töten helfen oder Sterben zulassen?

Von Dr. Thomas Sitte

DIE WELT schrieb am 04.03.2003 über den Tod Kafkas: Da die Schmerzen unerträglich geworden waren, flehte Kafka den Freund an: „Töten Sie mich, sonst sind Sie ein Mörder!“ Man verabreichte ihm Pantopon. Als sich Klopstock vom Bett erhob – erwollte die Spritze reinigen –, bat Kafka: „Gehen Sie nicht fort“. Auf Klopstocks Antwort „Ich gehe ja nicht fort“ erwiderte er: „Aber ich gehe fort.“ Franz Kafka schloss die Augen. Er starb an Herzlähmung. Es war der 3. Juni 1924.

P antopan, das ihm sein guter Freund und ärztlicher Begleiter injizierte, ist ein Gemisch aus den verschiedens ten Alkaloiden des Schlafmohns, ähnlich der Opiumtinktur. Als Wirkung der Injektion wurde Kafka müde, schlief ein, die Atmung wurde langsamer und setzte schließlich völlig aus. Die erwähnte „Herzlähmung“ war aus heuti ger Sicht wohl eher die Folge des Atem stillstandes durch die Opioidin jektion. Beschrieben wird hier ein klassischer Behandlungsfall, bei dem –möglicher weise durch mangelnde Kenntnis gepaart mit dem Wunsch, schnell „Letzte Hilfe“ zu leisten – eine Medikamenten dosis verabreicht wurde, die den Tod ungewollt oder auch gewollt unmittel bar herbeiführte. Solches Herbeiführen des Todes durch den Arzt ist etwas, was immer wieder von Patienten in ihrer Not erbeten wird.

Nach meiner Erfahrung wird eine sol che Medikation in Form von Infusionen, Pfl astern, Injektionen u.a.m. zugleich aber auch immer wieder ohne ausrei chende Patientenaufklärung – soweit der Patient sie wünscht – eingesetzt, insbesondere ohne die angemesse ne Abwägung des (mutmaßlichen) Patientenwillens beim bewusstseinsge trübten Patienten. Vielleicht fragen Sie sich bei der Lektüre differenzierter Abhandlungen zum Thema „Sterbehilfe“: Wo bleibt die Pers pektive des Patienten? Die folgende Ge schichte nimmt diese Perspektive ein. Ich habe sie selber genau so (!) erlebt. Die Fakten sind natürlich so verfrem det, dass kein Rückschluss auf den Patienten gezogen werden kann.

P atienten kommen mit ihren Krank heiten zum Arzt, mit Sorgen und Problemen, mit ihrer Schwäche. Der Arzt scheint dabei in der „stärkeren“ Position zu sein. Oft muss er sich sehr intensiv in die Patienten hineinverset zen. Ob deren Gedanken dann genau so sind, wie der Arzt es erahnt, weiß kein Mensch. Auch in der beschriebenen Situation wurde sehr viel und sehr lange miteinander geredet und gerungen...

Bitte töten Sie mich!

E ines Morgen, als Dr. S. und ich beideganz sicher alleine und unbelauscht sind, da wage ich es und spreche Dr. S. an: „Jetzt kann ich nicht mehr Hand an mich legen. Ich habe den Zeitpunkt verpasst. Es ist zu spät. Früher, als ich es noch hätte tun können, da hat es mir mein Glaube verboten und mich zu lange davon abgehalten. Ich hätte mich darüber hinwegsetzen können, sollen. MÜSSEN! Aber jetzt ist es zu spät, um mir selber das Leben zu nehmen. Ich weiß, was kommen wird. Aber ich will es nicht erleben. Man wird mir auch nicht helfen. Meine Familie will erreichen, dass ich am Leben gehalten werde, solange es die moderne Medi zin irgendwie möglich macht. Auch wenn ich es nicht will. Auch gegenmeinen eigenen, schriftlich verfügten Willen.“ Dr. S. gibt mir Recht.

Die Rechtslage, Recht haben ist eine Sache, Recht bekommen und die Umstände der Wirklichkeit sind eine andere. Auch Dr. S. glaubt, man wird mich gegen meinen Willen am Leben erhalten, wenn ich mich nicht mehr dagegen wehren kann. Die moderne Medizin ist recht weit fortgeschritten. Auch wenn sie „A“ nicht heilen kann, kann ich mit ihrer Hilfe jahrzehntelang – vollkommen unbeweglich – am Leben erhalten werden. Das will ich nicht, das will auch Dr. S. nicht. Er kann mich gut verstehen und hätte an meiner Stelle wahrscheinlich denselben Wunsch. So überlegen wir hin und her, was getan werden könnte. Wie könnte ich mir das Leben nehmen? Wer könnte mir wie helfen, es zu tun?

Meine Familie will anders als ich

I rgendwann komme ich in den Rollstuhl. Noch kann ich die Arme gut bewegen. Selber essen, trinken, ein Buch halten. Aber es geht sehr schnell voran; bald liege ich im Krankenhaus. Es ging zuhause nicht mehr und ein paar Komplikationen waren, wie zu erwarten, hinzugekommen. Dort in der Universi tätsklinik liege ich wochenlang in einem Einzelzimmer in meinem Bett und starre stundenlang an die Decke, habe kaum noch die Kraft und Fähigkeit eine lästige Fliege zu verscheuchen. Ein junger Arzt kommt auf meine Station, nennen wir ihn Dr. S. Er kann gut zuhören, ich fasse Vertrauen zu ihm. Oft reden wir übermeine Situation. Über das, was gemacht werden kann, welche Hilfsmittel es gibt. Was wir tun können, um Beschwerden zu lindern. Auch, was wir nicht mehr werden tun können... Ich hadere mit meinem Schicksal, so hatte ich mir mein Leben nicht vor gestellt, so hätte ich nie leben wollen. Immer schwächer werdend, im Bett liegend. Den Hintern müssen mir die Schwestern und Pfleger abwischen. Das empfinde ich als zutiefst entwürdigend. Mitleid? Möchte ich nicht einmal geschenkt bekommen!

Im Rollstuhl

I ch, Frau A., bin als junge Literatin am Anfang meiner Karriere. Aktiv, beliebt, intelligent, belesen und in dem, was der Volksmund „die Blüte meines Lebens“ nennt. Da bemerke ich, dass ich öfters einmal stolpere. Ich bin zu oft gedankenversunken, muss ein bisschen mehr aufpassen, denke ich. Aber ich bin nicht zu wenig achtsam. Ich bin krank. Den Namen dieser Krankheit kann man ja kaum aussprechen. Aber ich bin doch belesen und kenne, wie Sie auch, das Märchen vom Rumpelstilzchen. „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.“, so sprang singend der Gnom um das Feuer herum. Als dann der Name ausgerufen wurde, sprang Rumpelstilzchen noch einmal in die Luft und zerriss sich vor Wut in zwei Stücke. Deshalb nennen wir meine Krankheit doch einfach “A“. „A“, dieses vermaledeite Leiden – da kann man nichts, aber auch gar nichts machen, sondern nur zusehen, wie alle Muskeln nach und nach ihren Dienst versagen! Ein, nicht nur für mich, uner träglicher Gedanke...

Der Rumpelstilzchen-Effekt

L etzten Sommer noch das pralle Leben, da habe ich mit den Schönen und Reichen der Stadt gefeiert – doch jetzt? Jetzt stehe ich vor dem Abgrund, dem völligen, to talen Nichts. Nicht einmal das. Ich kann doch nicht mehr stehen, schon lange nicht mehr, nur noch liegen, liegen, liegen und warten. Damit meine Pflege für das Personal, wohl auch angeblich für mich, leichter wird, bekomme ich einen Schlauch in die Blase, aus dem mein Urin herausläuft und einen in den Magen, damit dort die Nahrung hineinläuft. Man hätte die Schläuche doch ebenso gut direkt miteinander verbinden können. Dann könnte ich mir auch die Windel ersparen, in die mein Stuhlgang kommt, ohne dass ich die Stuhlentleerung noch kontrollieren könnte. Ich fühle es, wenn der Kot kommt und ich rieche es, aber einhalten geht nicht mehr. Dr.

S. ist sehr nett zu mir, die anderen auch alle. Ich bin schließlich ein recht beliebter Patient und Gesprächspart ner. Zumindest für einige, andere gehen lieber schnell an meinem Zimmer vorbei. Lieber in kein Gespräch verwi ckelt werden. Auch mir selbst wird es zu anstrengend. Da höre ich von einer Schwesternschülerin, dass Dr. S., dem ich vertraue, wahrscheinlich in vier Wochen in ein anderes Krankenhaus gehen wird. Als ich dies erfahre, kann ich schon zwei Wochen kein Buch mehr alleine lesen. Ich brauche dazu jetzt eine Halterung und jemanden, der mir die Seiten umblättert. Ich kann meine Arme keinen einzigen Millimeter mehr anheben. Da fasse ich mir ein Herz.

Vor dem Abgrund „stehen“ wäre noch ein Glück

T ötung auf Verlangen. Das wäre eine Möglichkeit. Hier in diesem Zimmer, in einem großen Krankenhaus – mit allen Möglichkeiten, dies auch wieder zu verhindern, wenn der Tötungsversuch zu früh entdeckt würde. Und am Ende ist Dr. S. und mir auch klar, es gibt nur einen Menschen, dem ich genugvertraue, nur einen, dem ich es zutraue, es erfolgreich zu tun: Dr. S. So frage ich ihn: „Würden Sie mir dabei helfen? Wir beidewissen jetzt sehr genau, es gäbe sonst niemanden auf der Welt. Und wenn Sie es nicht tun, wird mein unbeweglicher Körper noch lange am Leben erhalten werden, viel, viel länger, als wir beide es wollen würden. Ich flehe Sie an! Bitte, bitte, bitte, können Sie es für mich, mir zuliebe tun?“ Wir haben hin und her überlegt, es muss ja nicht sofort sein. Jeden Tag haben wir darüber gesprochen, bis der Tag des Abschiedes näher kam.

Dr. S. kommt zu mir ins Zimmer, holt sich einen Stuhl und setzt sich zu mir. Da sagt dieser empathische Dr. S.: „Nein, ich werde es nicht tun. Ich kann es leider einfach nicht tun.“ Spricht dieses unerträgliche Lebensurteil aus mit der ganzen Arroganz eines Gesunden. Räumlich sitzt erzwar auf Augenhöhe neben meinem Bett, trotzdem erschlägt es mich wie von oben herab, die ich so hilfl os und vollkommen wehrlos daliegen muss. Tränen fließen übermein Gesicht. Er erzählt mir irgendetwas von seinem Gewissen, auch davon, dass, wenn es herauskäme, er nicht mehr als Arzt arbeiten können würde. Davon, dass er mir verspricht, alles dafür tun zu werden, dass Menschen wie mir geholfen werden könne in unserem Land. Irgendwie interessiert mich das nicht.

Mich hätte nur eine Antwort interessiert: „Ja!“, „Ja, ich helfe Ihnen!“, „Ja, ich töte Sie.“ Ohne Wenn und Aber. Wahrscheinlich würde es mich in diesem Augenblick auch herzlich wenig interessieren, zu wissen, dass Dr. S. später dabei mithelfen wird, dass organisierte, geschäftsmäßige Beihilfe zur Selbsttötung nicht salonfähig werden kann in Deutschland. Und dass Dr. S. stattdessen versuchen wird, echte Alternativen zu finden. Auch dass Dr. S. weiterhin Menschen mit Rat und Tat zur Seite stehen wird, wenn sie nicht mehr leben wollen. Sie werden auch am Ende, wenn sie schwach und hilfl os sind, ohne Angst ihren Tod erleben können, wie sie es sich wünschen. Sicher, das wird nicht immer völlig gelingen. Es wird auch nicht immer leicht sein. Für keinen der Beteiligten.

Aber meinetwegen wird er dabei, ohne zu töten, ohne nachzu helfen, beim Sterben beistehen und helfen. Ob mich das jetzt tröstet? Nein, ganz sicher auch nicht das winzigste Bisschen. Aber später, wenn ich auf mein Leben zurückblicken kann, wenn es vorbei ist, wer weiß, wie ich dann an jenem Ort denken werde?

Aktive Sterbehilfe

Echte Alternativen – wie könnten die aussehen in solch einer ausweglos erscheinenden Situation? Jeder Mensch hat ein Recht auf Leidenslinderung. Kein Mensch darf ge genseinen Willen am Leben erhalten werden. Die Verweigerung einer notwendigen Leidenslinderung ist eine strafbare Körperverletzung, ebenso die nicht gewünschte Lebensverlängerung. Das ist geltendes Recht in Deutschland und auch die medizinischen Möglichkeiten wären vorhanden! Das Leiden der Patienten zu lindern gelingt oftmals leicht, wenn nur den Beteiligten die Rechtslage und die medizinischen Möglichkeiten bekannt wären und zudem im Umkreis des Patienten die Umsetzung der Möglichkeiten auch etabliert wäre. Es ist völlig klar, dass in allen Punkten in weiten Berei chen Deutschlands noch deutliche De fizite bestehen.

Diese Defizite müssen in einer gemeinsamen Anstrengung beseitigt werden, damit niemand aus Angst vor Leiden, aus Angst vor einer unerwünschten Behandlung oder auch aus Angst vor Einsamkeit und dem Ge fühl zur Last zu fallen, den Tod suchen muss. Im konkreten Fall wäre es möglich gewesen, dem Willen der jungen Pati entinfolgend, diese sterben zu lassen. Und zwar ohne zu töten. Eine mögli che Atemnot kann man leicht lindern, ähnlich, aber wesentlich effektiver und auch besser, als es Klopstock bei Kaf ka tat. Ersticken muss heute niemand mehr. Sterben ist ein natürlicher Pro zess, in den wir nicht zu sehr eingreifen sollten, belastende Symptome können fachgerecht gelindert werden.

Deutschland besitzt die wirtschaftlichen und medizinischen Möglichkeiten, je dem Bürger Zugang zu einer Behand lung zu verschaffen, die nahezu jedes Leiden wesentlich besser lindern würde, als die meisten palliativ weniger Erfah renen es sich vorstellen können. Des halb ist es wenig angemessen, Regelungen zu suchen, die es jedem Menschen ermöglichen sollen, leichter Zugang zur Beihilfe zur Selbsttötung zu finden. Stattdessen müssen wir unsere Energie ziel gerichtet einsetzen, so dass die Zuver sicht zunimmt, im Sterben gut begleitet zu werden. Neben dem Aufbau einer wirklich flächendeckenden allgemeinen und spe zialisierten Palliativversorgung, sind zugleich von allen Beteiligten große Anstrengungen zu unternehmen, durch effektive Aufklärungsarbeit – schlicht durch zeitgemäße Werbemaßnahmen – das Wissen zu verbreiten.

Getötet werden aus Angst vor Leiden müsste niemand mehr.

Das Notwendige:

gesetzlich regeln und praktisch ermöglichen Dr. Thomas Sitte

Über den Autor

Dr. Thomas Sitte

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4|16

Die vierte und letzte Ausgabe von COLUMBA 2016 widmet sich dem Annehmen und Hoffen am Lebensende, der Debatte um aktive Sterbehilfe, Übertherapie, Ritualen in der Begleitung Schwerstkranker, Akupressur in der Palliativversorgung und der Kinder- und Familientrauerbegleitung.

Seiten 14–18

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